Gunther von Hagens gilt als Erfinder der Plastination.
Seit 1996 zeigt er in seiner Ausstellung Körperweltenplastinierte Körper. Seitdem haben mehr als 25 Millionen Menschen seine Ausstellung besucht. 2006 eröffnete Gunther von Hagens zudem das
Plastinariumin Guben. Dort bekommen die Besucher Einblicke in Plastinationsprozesse und Präparationstechniken. Für chexx hat Gunther von Hagens mit Diana Sonnenberg über seine Arbeit als Plastinator, die Kontroverse in der Öffentlichkeit und seine Einstellung zum Tod gesprochen.
chexx Sie haben 1977 das Verfahren der Plastination entwickelt. Wie kamen Sie auf die Idee, Menschen mit Plastik zu überziehen? Das wirkt ja erstmal sehr skurril…
Gunther von Hagens Im Gegenteil: ein Traum der Anatomen ist wahr geworden. Indem ich im Körpergewebe Wasser gegen Kunststoff austausche, sind erstmals strapazierfähige Präparate für eine didaktische Ewigkeit möglich geworden.
chexx Wie findet eigentlich eine Plastination statt? Da mögen viele doch eine sehr gruselige Vorstellung haben…?
Gunther von Hagens Im Grunde ist die Plastination ein recht simples Verfahren. Ziel ist es, das im Körper befindliche Wasser gegen Reaktionskunststoffe wie beispielsweise Silikonkautschuk oder Epoxidharz auszutauschen und somit die Verwesung des Körpers zu stoppen, denn wo kein Wasser ist, findet auch keine Verwesung statt. Für die Entwässerung des Körpers verwenden wir eiskaltes Aceton. Ist der Körper entwässert, folgt das Herzstück des Plastinationsprozesses, nämlich die forcierte Vakuumimprägnierung. Hierbei wird unter Vakuum das Aceton aus dem Körper raus und Kunststoff in den Körper hinein transferiert. Dann braucht man das Präparat nur noch dem Bad entnehmen und den Kunststoff im Präparat aushärten. Die Vielzahl der einsetzbaren Kunststoffklassen von Silikonktauschuk über Polyesterharz bis zum Epoxidharz macht flexible wie feste und durchsichtige wie natürlich aussende Plastinate möglich.
chexx Wofür hatten Sie die Methode ursprünglich angedacht?
Gunther von Hagens Für den Studentenunterricht.
chexx Zartbeseitet darf man bei einer Plastination nicht sein, oder?
Gunther von Hagens Man muss dem Tod ins Auge sehen können. Doch das tun Bestatter, Pathologen und Gerichtsmediziner auch.
chexx Welches war das erste Plastinat, das Sie hergestellt haben?
Gunther von Hagens Ein Stückchen menschliche Niere.
chexx Wann haben Sie das erste menschliche Ganzkörperplastinat angefertigt und wie lange dauert solch ein Herstellungsprozess?
Gunther von Hagens 1990 von einem freundlichen
Herrn, der mich zu Lebzeiten immer wieder besuchte und darum bat,
das erste Ganzkörperplastinat sein zu dürfen. Er brachte mir dazu
Bücher, um mir seine Wunschpose zu vermitteln. 
chexx Wie viele Menschen haben Sie bisher etwa angefertigt?
Gunther von Hagens Soviel wie ein kleines Dorf etwa Einwohner hat. Einige hundert.
chexx Hatten Sie anfangs moralische oder ethische Bedenken bei der Plastination eines Verstorbenen oder stand der medizinische bzw. wissenschaftliche Gedanke für Sie immer im Vordergrund, so dass diese Bedenken gar nicht erst aufkamen?
Gunther von Hagens Anfangs hatte ich immer wieder mal Albträume, in denen sich Plastinate wegen Qualitätsmängeln über mich beklagten. Einmal fand sogar eine Gerichtsverhandlung mit mir als Angeklagtem statt. Als dann aber die Qualität der Plastinate besser wurde, hörten diese Albträume auf. Moralische und ethische Bedenken im Sinne von verletzter Würde der Verstorbenen hatte ich nie. Denn ich glaube an das Recht jedes Menschen, sein körperliches Schicksal testamentarisch selbst bestimmen zu können. Weil ich an die achtenswerte Würde postmortaler körperlicher Selbstbestimmung glaube, etablierte ich bereits 1983 ein Körperspendeprogramm für die Plastiation.
chexx Ist die Arbeit mit dem toten menschlichen Körper inzwischen Routine für Sie oder jedes Mal eine neue Herausforderung?
Gunther von Hagens Die Arbeit mit dem toten menschlichen Körper ist immer wieder eine neue Herausforderung. Denn jedes Plastinat soll einzigartig sein. So strebe ich stets nach Neuem, Besseren, nie zuvor gesehenen anatomischen Präparaten, die im Idealfall zu anatomischen Meisterwerken reifen.
chexx Kamen bei Ihnen schon einmal Ekelgefühle auf?
Gunther von Hagens Ja, als ich als Hilfspfleger täglich schleimige Spucknäpfe ausspülte. Verwesungsgeruch nehme ich zwar wahr, er stört mich aber nicht. So habe ich weder mit Darm aufschneiden noch mit dem Leeren von Urinflaschen ein Problem.
chexx Wie kamen Sie auf die Idee, Plastinate von Verstorbenen in einer Ausstellung zu präsentieren?
Gunther von Hagens Weil auf anatomischen Fachkongressen dort arbeitenden Laien, wie Bibliothekar, Pförtner oder Reinigungskraft, mehr Interesse als meine anatomischen Fachkollegen an den Plastinaten zeigten.
chexx Seit 1995 haben mehr als 20 Millionen
Besucher Ihre Körperwelten
besucht. Damit ist sie die
erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten. Was denken Sie, warum das
so ist?
Gunther von Hagens Anfang Juli überschritten wir 25 Millionen Besucher. Der Erfolg ist auf hohes Präparationsniveau sowie kreative und ästhetische Darstellung der Plastinate zurück zu führen. Auch das simple, aber nie zuvor geübte Konzept, kranke neben gesunde Plastinate zu stellen, zum Beispiel Raucherlunge neben der Nichtraucherlunge, trägt zum Ausstellungserfolg bei. Plastination bedeutet für mich Schönheit unter der Haut, erstarrt zwischen Tod und Verwesung.
chexx Worin sehen Sie persönlich das Ziel, menschliche Präparate für Privatpersonen zugänglich zu machen?
Gunther von Hagens Plastinate möchte ich qualifizierten Nutzern zugängig machen, damit sie für Lehr- und Forschungszwecke eingesetzt werden. Ob diese qualifizierten Nutzer dann Einzelpersonen sind oder Organisationen sind ist unwesentlich.
chexx Was möchten Sie bei jedem einzelnen Besucher erreichen? Verfolgen Sie einen didaktischen Gedanken?
Gunther von Hagens Als Arzt liegt mir die Gesundheitsvorsorge am Herzen. Nachhaltiges Gesundheitsbewusstsein kann ich bei den Besuchern nur dann schaffen, wenn sie den Bezug vom Plastinat zu sich selbst herstellen, sich damit identifizieren. Ich versuche, die Herzen der Menschen zu sich selbst zu öffnen.
chexx Sie sehen sich seit Jahren der Kritik
ausgesetzt, Sie würden Entertainment mit Toten
betreiben und damit die Würde der Toten verletzten. Warum die
Arbeit mit einem echten menschlichen Körper und nicht mit einem
künstlichen?
Gunther von Hagens Weil nur echte Körper die notwendige Aufmerksamkeitsspannung erzeugen, die notwendig ist, um die Gesundheit fördernden Verhaltensänderungen zu erreichen. Hinzu kommt, dass Plastinate auch den besten Modellen an Detailreichtum, Individualität und dreidimensionaler Komplexität überlegen sind.
chexx Ein großer öffentlicher Kritikpunkt ist die Art der Präsentation einiger Präparate. Warum zeigen Sie Ihre Werke häufig in strittigen Körperhaltungen, wie etwa eine schwangere Frau in lasziver und erotischer Pose?
Gunther von Hagens Ich möchte den Plastinaten den Schrecken des Todes nehmen, sie dem Lebenden bewusst in Haltung und Ambiente annähern. Die schwangere Frau präsentiert sich in eleganter, nicht jedoch lasziver Pose. Sie wendet den Blick vom Besucher ab. Der nicht aufliegende Leib vermittelt die Spannung, die auch in der Tragik dieses doppelten Todes liegt. Die dadurch erreichte Emotionalisierung des Plastinats ist willkommen, da sie dem Gesundheitsgedanken förderlich ist.
chexx Warum haben Sie häufig diskutierte Werke nicht aus der Ausstellung entfernt, um einer weiteren Negativ-Berichterstattung zu entgehen?
Gunther von Hagens Zur Demokratie gehört die
Diskussion. Eine freie, demokratische Medienberichterstattung lebt
von der Kontroverse, in der ich mich deshalb wohl fühle. Indem ich
mein Anliegen und nicht mich selbst wichtig nehme, kann ich selbst
ungerechtfertigte Kritik tolerieren. Die Kritik hilft mir sogar,
mein Tun immer wieder kritisch zu überdenken. Zudem weiß ich aus
Umfragen, dass die häufig diskutierten, also die emotionalisierten
Plastinate, eine überdurchschnittliche gesundheitsfördernde Wirkung
zeigen. Dies ist wohl auf die intensivere Beschäftigung der
Besucher mit kontrovers diskutierten Plastinaten zurück zu führen.

chexx Vor einiger Zeit konnte man in den Medien verfolgen, dass Sie Körperscheiben an Privatpersonen verkaufen wollen. Warum distanzieren Sie sich heute von diesem Vorhaben?
Gunther von Hagens Mit der Nennung von
Privatpersonen als Nutzer habe ich unnötig Ängste geweckt,
Plastinate würden dann nicht zweckgebunden, also nicht nur für
Lehr- und Forschungszwecke verwendet werden. Ich habe daraus
gelernt und spreche jetzt vom Qualifizierten Nutzer
.
Qualifizierte Nutzer sind juristische oder natürliche Personen, die
menschliche Präparate ausschließlich zum Zwecke der Forschung, der
Lehre oder der medizinischen, diagnostischen bzw. therapeutischen
Berufsausübung verwenden wollen und dies glaubhaft machen. Dazu
gehören insbesondere Lehrinstitutionen wie Universitäten,
Krankenhäuser, Schulen und Museen, aber auch praktische Ärzte,
Hochschullehrer, Lehrbeauftragte sowie andere Personen, soweit sie
in Ausführung von Forschungsvorhaben tätig sind. Zugegeben, eine
langatmige Auflistung, doch damit dürfte mein Versäumnis, den
Nutzer zunächst zu pauschal benannt zu haben, geheilt sein. Ein
schönes Beispiel für den positiven Effekt öffentlicher
Diskussion.
chexx Ihre Ausstellung ist in aller Welt, vor allem in Asien, Amerika und Europa, zu sehen. Gibt es Länder, in denen Ihnen eine Präsentation Ihrer Werke aus religiösen Gründen untersagt wurde?
Gunther von Hagens Ein klares Nein.
chexx Was denken Sie, veranlasst einige Menschen dazu, ihren Körper nach dem Tode der Wissenschaft zu überlassen?
Gunther von Hagens Zumeist ist es der Wunsch, mit dem eigenen Körper auch nach dem Tod noch nützlich sein zu können. Viele möchten zudem die Ausstellung Körperwelten und jetzt das Plastinarium in Guben mit ihrer Körperspende unterstützen. Auch das positive Gefühl, nicht auf den Friedhof kommen zu müssen, wird als Grund für die Körperspender genannt. Und seit wir in ganz Deutschland einen kostenlosen Abholservice etabliert haben, ist auch das Sparen von Bestattungskosten und damit das Trauern ohne finanzielle Sorgen ein zunehmender Grund von Menschen, sich für die Körperspende zur Plastination zu entscheiden.
chexx Wissen die Personen vor ihrem Tode, in welchen Posen sie später einmal in Ihrer Ausstellung gezeigt werden?
Gunther von Hagens Nein. Wenn sie auf einer Pose bestehen, dann müssten die Angehörigen die Plastination bezahlen. In diesem Fall könnten sie dann auch den qualifizierten Nutzer bestimmen.
chexx Verspüren Sie keine moralische Zerrissenheit, wenn Sie an die Hinterbliebenen der Verstorbenen denken?
Gunther von Hagens Ich spreche häufig mit Angehörigen und führe sie, so wie gerade heute wieder, auch mal durch das Plastinarium. Das Gespräch hilft den Angehörigen bei ihrer Trauerarbeit. Die Angehörigen spüren, dass uns der Körper des Verstorbenen wichtig ist, ein anatomischer Schatz, um den wir uns bemühen.
chexx Bekommt man ein anderes Menschenbild, wenn man täglich mit dem Tod zu tun hat?
Gunther von Hagens Der Tod wird normal, das Leben zur Ausnahme. Ich fühle in den Menschen um mich herum zunehmend mehr Sterblichkeit. Diese gefühlte Todesnähe lässt mich gesünder und bewusster leben. Jeder Lebenstag ist für mich ein Glückstag, unwahrscheinlich in Zeit und Raum.
chexx Hat sich Ihre Einstellung zum Tod oder gegenüber der eigenen Vergänglichkeit verändert?
Gunther von Hagens Ich liebe ihn nicht, aber ich akzeptiere ihn. Um das Leben zu verstehen, müssen wir den Tod umarmen.
chexx Würden Sie jemals Ihren eigenen Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen?
Gunther von Hagens Sicher. Mit höchster anatomischer Lust!
chexx Wovor haben Sie mehr Respekt, vor dem Leben oder dem Tod?
Gunther von Hagens Vor dem Leben. Denn der Tod ist weder gut noch böse. Er war vor mir und er wird nach mir in Ewigkeit sein.
Weitere Informationen gibt es bei:www.bodyworlds.com.
Fotos: © Gunther von Hagens, Institut für Plastination, Heidelberg





















