
Cap und Capperund
Taran und der Zauberkesselmitarbeitete. Zu seinen Arbeiten gehören
Planet der Affen,
Sleepy Hollowund
Mars Attacks. Nun ist seine Regiearbeit in
Alice im Wunderlandzu bewundern.
chexx Was gefällt Ihnen an dieser Geschichte?
Tim Burton In jeder Märchenwelt gibt es Gut und Böse. Was mir an Unterland gefiel ist der Umstand, dass darin alles ein wenig schräg ist. Meiner Meinung nach also etwas völlig Andersartiges. Dabei ist die Geschichte ein großer Bestandteil unserer Kultur. Ob man sie gelesen hat oder nicht, hat man doch bestimmte Bilder im Kopf oder zumindest eine gewisse Vorstellung davon.
chexx Warum glauben Sie, dass Alice im
Wunderland
mehr als 140 Jahre nach Veröffentlichung immer
noch so populär ist?
Tim Burton Alice erschließt Teile unseres Unterbewusstseins. Aus diesem Grund bleiben alle großen Geschichten populär: sie sprechen etwas in den Menschen an, etwas worüber sie sich vielleicht nicht einmal bewusst sind. Bei dieser Geschichte hängt sicherlich viel mit ihren Bilderwelten zusammen. Daher gibt es von ihr auch so viele verschiedene Bearbeitungen. In den Verfilmungen ging es bislang immer nur um ein kleines, passives Mädchen, das verschiedene Abenteuer besteht und dabei auf merkwürdige Figuren trifft. Nie ist darin ein gewisser Tiefgang zu beobachten. Wir haben nun versucht, die Ideen der Geschichten zu benutzen und damit etwas zu erschaffen, das sich zwar nicht buchstabengetreu an die literarische Vorlage hält, aber dennoch deren geistigen Kern bewahrt.
chexx Wie alt waren Sie, als Sie die Bücher zum ersten Mal lasen?
Tim Burton Ich war noch in der Schule, also etwa acht
oder zehn Jahre alt. Ich bin den Büchern auf merkwürdige Art
verbunden. Das Haus, in dem ich in London wohne, gehörte früher
Arthur Rackham. Ich lebe und arbeite in dem Studio, in dem er diese
fantastischen Bilder für Alice im Wunderland
zeichnete. Also fühlte ich zwischen diesem Stoff und mir eine
Verbindung. Und irgendwie ist so etwas immer hilfreich.
chexx Was war Ihre Reaktion, als Ihnen die Regie für dieses Projekt angeboten wurde?
Tim Burton Sie gaben mir das Drehbuch und sagten es würde in → 3D realisiert werden. Schon bevor ich das Drehbuch gelesen hatte, war ich fasziniert. Und was ich an Lindas Drehbuch mochte war, dass sie daraus eine eigenständige Geschichte gemacht hat und somit dem Film eine Form verliehen hat, die keine simple 1:1 Übersetzung des Buchs ist. Dies alles zusammen fesselte mich. Mir gefiel an diesem Ansatz, dass Alice am Übergang vom Kind zur Frau steht, also an einem Punkt, an dem man sich als Person maßgeblich verändert. Viele junge Leute mit alten Seelen sind in ihrer eigenen Kultur und in ihrer Zeit nicht sonderlich beliebt. Alice ist jemand, der nicht so ganz in diese viktorianische Muster und Gesellschaft passen mag. Sie ist eher in sich gekehrt.
chexx Warum haben Sie sich dafür entschieden genau diese Version der Geschichte zu verfilmen?
Tim Burton Nun, es gibt so viele Geschichten. Es ist ja nicht so, dass das hier etwas Neues wäre. Wenn Sie die Bücher lesen, sind da all diese kleinen verrückten Abenteuer. Ich denke, dass Drehbuchautorin Linda Woolverton beabsichtigt hat, einfach die Geschichte und ihre Charaktere zu nutzen. Sehen Sie, es gibt so viele Dinge zu berücksichtigen - irgendeine der Figuren wird immer die Lieblingsfigur von irgendjemandem sein. Irgendwer wird den Hummer vermissen, oder was auch immer. Es gibt die Rote Königin und die Weiße Königin, den Märzhasen und das weiße Kaninchen - Symbolfiguren von denen wir wussten, dass wir sie im Film berücksichtigen müssen. Aber dann dachten wir uns: lassen wir der Geschichte einfach ihren Lauf und warten, was passiert.
chexx Mit welchen Figuren aus Alice konnten Sie mehr als mit anderen anfangen?
Tim Burton Ich mag sie alle. Und das ist der springende Punkt. Ich bin der Meinung, dass dieser Stoff in der Vergangenheit darunter litt, dass alle Charaktere einfach nur eigenartig sind. Okay, der Hutmacher ist eigenartig. Die Grinsekatze ist eigenartig. Das weiße Kaninchen ist eigenartig. Wir haben versucht jeder einzelnen Figur ihre individuellen Ticks zu verleihen, so dass jede Figur ihren eigenständigen Charakter bekommt.
chexx Hatten Sie in ihrer Jugend ein Lieblingskinderbuch?

Tim Burton Ich war ein Fan von Dr. Seuss. Seine Bücher waren leicht zu lesen. Ich mochte seine Zeichnungen. Aber der Grund Alice zu machen, war diese hochinteressante Herausforderung. Ich dachte nicht - wie das bei anderen Projekten der Fall sein mag - oh, es gibt schon eine großartige Verfilmung, dementsprechend ist es ein Problem eine weitere zu produzieren. Von Alice gibt es ein paar interessante Verfilmungen, aber ich denke eben keine davon ist vollends geglückt.
chexx Wie sind Sie an den Film herangegangen?
Tim Burton Mich haben seit jeher die symbolhaften Bilder
mehr angesprochen, als die Geschichte selbst. Ich denke, man wird
immer überrascht sein, wenn man die Geschichten später im Leben
erneut liest, denn sie haben nicht die mitreißende Erzählweise der
Herr der Ringe
Bücher. Sie sind absurd und surreal.
Aber die Figuren sind in unseren Träumen und unseren Erzählungen;
Dinge eben, die uns im Gedächtnis bleiben. Warum schreiben so viele
Musiker Songs darüber? Illustratoren beziehen sich ständig auf
Alice. Alice taucht in anderen symbolischen Zusammenhängen auf.
Dies war ausschlaggebend für den Versuch, diese Welt entstehen zu
lassen. Die Dinge die ich an Alice einzigartig fand, sind
einzigartig durch ihre Andersartigkeit. Wie die bizarren
Größenverwandlungen zum Beispiel. Oder dass manche Tiere sprechen
können und andere nicht. Es erscheint zufällig, wie Carroll das
alles einsetzt und dann doch auch wieder nicht. Es gibt da etwas
sehr Tiefgründiges. Dinge, die zufällig erscheinen, sind es
vielleicht gar nicht? Das Ziel liegt darin, das auszutesten und
einzufangen.
chexx Was gefällt Ihnen an dieser Version der Geschichte?
Tim Burton Mir gefällt daran, dass es sich um eine persönliche Entwicklung dreht. Darin bestehen im Eigentlichen die wichtigsten Dinge des Lebens - der Moment, in dem man diese eine wichtige Entscheidung trifft. Vielleicht passiert das jedem einmal, vielleicht auch nicht. Vielleicht geschieht es sogar mehrmals im Leben, so dass man dabei lernt und daran wächst. Wissen Sie, es ist als ob zwei Teile derselben Persönlichkeit miteinander im Konflikt liegen; sich sozusagen die Gefühle in einer Zwickmühle befinden. Und wenn man dann diesen Entwicklungsschritt macht, ist es etwas ganz und gar Besonderes, Eindrucksvolles. Es ist eine Versöhnung mit dem eigenen Inneren, mit dem was die eigene Person ausmacht, während man sich gleichzeitig zu der Person entwickelt, die man in Zukunft sein wird, ein Mensch nämlich. Das klingt schwach, ist aber sehr wichtig.
chexx Warum wollten Sie keine Nacherzählung der Bücher machen?
Tim Burton An Alice faszinierte mich, dass die symbolhaften Bilder von unserer Kultur absorbiert wurden.
chexx Warum haben Sie aus Alice eine 19jährige gemacht?
Tim Burton Weil dieses Alter für mich einfach eine Art Scheideweg darstellt. Ich denke, in dem Alter tritt man in eine Gesellschaft, die einen zwingt dazu zu gehören, oder zu heiraten, oder zu anderem. Und Alice scheint mir einfach an dem Punkt zu sein, an dem man an einem emotionalen Wendepunkt angekommen ist. Ich fand Alice einen interessanten Charakter, weil sie in diesem Alter ist und weil sie gleichzeitig die Seele eines alten und eines jungen Menschen in sich trägt.
chexx Wie geht Johnny Depp an einen so impulsiven Charakter wie den Verrückten Hutmacher heran?
Tim Burton Es ist eine Kultfigur und wurde bereits in Zeichentrick- wie auch in Realverfilmungen dargestellt. Im Gegensatz zu einer lediglich verrückten Darstellung, hat Johnny versucht den Charakter zu erden, so dass er emotional fassbar wird
chexx Würden Sie → Johnny Depp als Ihre → Muse bezeichnen?
Tim Burton Nee, er ist nur ein Stück Fleisch (lacht). Alle beteiligten Schauspieler waren großartig, denn sie hatten nicht all zuviel mit dem sie arbeiten konnten - wie Sets, Kulissen oder andere Schauspieler. Das meiste davon mussten sie sich einfach vorstellen. Man kann bei so einem Film nicht wirklich mit → Method Actors zusammenarbeiten. Man braucht Leute, die bereit sind sich zu exponieren und einfach drauflos spielen können, ohne all zuviel Material vorliegen zu haben. Also, darin ist Johnny wirklich gut. Und ich hatte auch mit allen anderen Schauspielern das Glück, dass sie sich darauf eingelassen haben. Und wissen Sie, es war auch für mich ziemlich schwer, denn so einen Film hatte auch ich noch nie gemacht. Das öffnet einem schon die Augen. Es ist ein völlig anderer Ablauf als sonst. Ich würde sagen, für einen Schauspieler ist es eine richtige Herausforderung.
chexx Wie eng arbeiten Sie mit Johnny zusammen, wenn es darum geht seine Charaktere zu entwickeln?
Tim Burton Nun, ich mache einen kleinen Entwurf, er macht einen kleinen Entwurf. Dann reden wir darüber. Es ist jedes Mal anders. Wir geben Johnny ein paar Quellenverweise an die Hand, aber nie besonders spezifische. Er mag es einfach nicht, wenn er das Gefühl dabei hat nur eine Sache allein verfolgen zu müssen. Also geben wir ihm lieber abstrakt gehaltene Hinweise. Ich bin jedenfalls immer gespannt zu sehen, was dabei heraus kommt.
chexx Lassen Sie ihn damit soweit gehen, wie er kann und bremsen ihn erst dann, wenn es nötig wird?
Tim Burton Ja schon, aber er ist ziemlich gut in dem was er tut. Man sollte nie so weit gehen, dass man die emotionalen Seiten eines Charakters vernachlässigt. Also haben wir natürlich versucht den Hutmacher einerseits verrückt zu gestalten, ihm aber andererseits auch eine Gefühlstiefe hinter der Oberfläche zur verleihen. Johnny ist ziemlich gut darin die Wahrheit hinter der Unwirklichkeit zu entdecken.
chexx Können Sie mir sagen, warum Sie Mia Wasikowska in der Rolle der Alice besetzt haben?
Tim Burton Sie ist jung und in gewisser Weise alt zugleich. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, im Gegensatz zu vielen, die versuchen überall gleichzeitig zu sein.
chexx Wie hat Mia denn als relativ unerfahrene Schauspielerin ihre Rolle gemeistert?
Tim Burton Nun, sie war großartig. Das wird vermutlich der abstrakteste Film sein, den sie jemals machen wird - hoffen wir das zumindest mal. All die Green Screen-Aufnahmen und all die anderen Hindernisse mit denen sie konfrontiert wurde, hat sie sehr locker genommen. Sie hat sich stets auf den Charakter konzentriert und versuchte diesen immer wieder in sich und bei sich zu finden. Das war sehr hilfreich, denn das Ganze ist schon ein sehr beklemmender Arbeitsprozess.
chexx Ist es nun eigentlich Unterland oder Wunderland? Und was bekommt man denn im Film zu sehen?
Tim Burton Es ist Unterland und es war schon immer
Unterland. Aber in unserer Verfilmung hat Alice sich verhört, als
sie das Land als Kind besuchte und schlicht Wunderland verstanden.

chexx Betreten Sie eigentlich technisches Neuland mit diesem Film?
Tim Burton Es ist wie ein Puzzle, bei dem der fertige Film erst am Ende sichtbar wird. Am schwierigsten war der Umstand, dass man ja normalerweise nach Ende der Dreharbeiten einen Film mit allen Szenen hat, an dem man dann noch etwa sechs Monate bis zu einem Jahr schneidet. Hier lief das aber nicht so. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Prozess. Es läuft irgendwie rückwärts ab.
chexx Warum haben Sie sich dafür entschieden den Film in 3D zu drehen?
Tim Burton Nun, 3D ist nicht nur eine Modeerscheinung. Es wird sich durchsetzen. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Film in 3D gedreht werden wird. Aber hier war es so, dass Alice von der Geschichte her in 3D einfach sehr passend erschien. Also haben wir die 3D-Effekte nicht zu ihrem Selbstzweck verwendet, sondern versucht sie als Teil von Wunderland zu etablieren. Somit haben wir die Technologie dem Ausgangsmaterial angepasst.
chexx Haben Sie in 3D gedreht oder wurde das Material erst nach dem Filmen konvertiert?
Tim Burton Wir haben die Aufnahmen nicht mit einem 3D-Kabel gemacht. Bei den verschiedenen Techniken, die wir verwendet haben - reine Animation, Live-Action und eine Verbindung dieser beiden - gab uns die konventionelle Aufnahmetechnik mehr Freiheiten.
chexx Wo sehen Sie die Zukunft des Films jetzt, als sie diese Mischform zwischen 3D und Live-Action angewendet haben?
Tim Burton Vor Jahren habe ich Zeichentrickfilme gemacht. Irgendwann wurde diese Kunst für tot erklärt und man hörte auf zu zeichnen. Die gute Nachricht aber ist, dass es jetzt mehr Möglichkeiten denn je gibt, Filme zu drehen. 3D sollte neben Zeichentrick stehen und Computeranimation neben Stop-Motion. Alles ist zulässig. Alles ist gut. Und es ist heutzutage besser, als es jemals war. Ich habe 10 Jahre lang dafür gekämpft einen Stop-Motion Film zu realisieren. Heute können sie es einfach so machen - überhaupt kein Problem.
chexx Sind Sie von Spezialeffekten fasziniert?
Tim Burton Ich bin kein Filmemacher, der Spezialeffekte nur um ihrer selbst willen benutzt. Zumindest versuche ich es so nicht so zu handhaben. Trotz all der Technik in diesem Film haben wir immer versucht, uns darauf zu besinnen, dass es einfach nur um die Reise einer einzelnen Person geht: Alice’ Reise. Und das war’s. Es ist eine einfache Geschichte und wir haben immer darauf geachtet, dass es das auch bleibt.






















