Interview
Kevin Kline: Die Idee vom Spiel ist immer individuell
Von Aude Thiérard | 19. Dezember 2009    Drucken eMail
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Kevin Kline spielte in den 1980er Jahren am New Yorker Public Theatre Titelrollen in Shakespeare-Stücken. Für sein Spielfilmdebüt in Sophies Entscheidung wurde er 1982 für den Golden Globe Award als Bester Nachwuchsdarsteller nominiert. 1988 war Kline neben John Cleese, Michael Palin und Jamie Lee Curtis in der britischen Kult-Komödie Ein Fisch namens Wanda zu sehen. Für die Darstellung des pseudointellektuellen US-Amerikaners Otto erhielt er einen Oscar als bester Nebendarsteller. Nun ist er in dem Film Die Schachspielerin zu sehen.

chexx Wie haben Sie reagiert, als Sie das Drehbuch von Die Schachspielerin entdeckten?

Kevin Kline Als ich die englische Version des Drehbuchs bekam, habe ich es gelesen, ohne es aus der Hand zu legen. Das ist ein gutes Zeichen … und kommt nur ganz selten vor! Es war eine sehr angenehme Lektüre. Ich war sofort von der Geschichte und den Figuren verführt. Außerdem wusste ich, dass Sandrine Bonnaire die Hauptrolle spielen sollte. Sie ist eine großartige Schauspielerin, die ich schon seit langem schätze. Daher war es eine Ehre für mich, mit ihr zu spielen. Dazu kam, dass ich Liebesgeschichten mag, die keinem klassischen oder gewöhnlichen Schema folgen.

chexx Wie haben Sie Regisseurin → Caroline Bottaro getroffen?

Kevin Kline Mein französischer Agent Laurent Savry hat mir das Drehbuch geschickt. Nachdem ich es gelesen hatte, wollte ich die Regisseurin treffen. Mir gefiel die Idee, auf Französisch zu spielen. Vor allem, weil ich noch nie einer Fremdsprache gedreht hatte. Sandrine Bonnaire ist einige Wochen später nach New York gekommen, später stießen auch Caroline Bottaro mit ihrem Produzenten Dominique Besnehard dazu. Wir haben uns getroffen und einen sehr angenehmen Abend zusammen verbracht. Aber im Innern hatte ich die Entscheidung schon längst getroffen.

chexx Was war Ihr erster Eindruck von Caroline Bottaro?

Kevin Kline Wir haben sofort gut miteinander kommunizieren können, indem wir zwischen Englisch und Französisch hin und her sprangen. Ich habe sie als einen intelligenten, entschlossenen, kompetenten, konkreten und geistvollen Menschen entdeckt. Als wir vom Drehbuch und unserer Arbeitsmethode sprachen, waren wir sofort auf derselben Wellenlänge. Schon das Drehbuch hatte einen starken, ersten Eindruck auf mich gemacht, aber durch die Begegnung hatte ich sofort Lust, mich in dieses Abenteuer zu stürzen.

chexx Für Caroline Bottaro war es der erste lange Spielfilm. Welche Art von Beziehungen hatten sie während der Dreharbeiten?

Kevin Kline Jeder hat natürlich seinen eigenen Stil. Caroline weiß genau, was sie will, sie hatte eine genaue Vorstellung von ihrem Projekt, aber gleichzeitig war sie Vorschlägen gegenüber nicht verschlossen. Ihr kreativer Ansatz hat sich im Laufe der Dreharbeiten weiterentwickelt. Sie war offen für unsere instinktiven Interpretationen und für die Überraschungen, die sich natürlicherweise beim Schauspielen ergeben. Ich glaube, man sollte immer einen Platz lassen für das Unvorhersehbare, für unbewusste Impulse, für alles, was der Kontrolle entwischt.

chexx Sie spielen zum ersten Mal mit → Sandrine Bonnaire. In welcher Rolle haben Sie sie entdeckt und wie schätzen Sie ihre Arbeit ein?

Kevin Kline Zuletzt hat sie mir in Intime Geständnisse von Patrice Leconte gefallen. Ich liebe diesen Film! Das ist eine andere, sehr originelle Liebesgeschichte! Ich liebe die Intensität, die Sandrine ausstrahlt, ihre Einfachheit, ihre Geradlinigkeit, ihre Feinheit und auch ihr Geheimnis. Sie ist eine ausgezeichnete Schauspielerin: Ich habe sie schon immer außergewöhnlich gefunden!

chexx Wie war ihr Verhältnis bei den Dreharbeiten?

Kevin Kline Wirklich ausgezeichnet! Sie war unglaublich geduldig mit mir und hat mir viel geholfen. Wir haben uns gut amüsiert! Mit Sandrine zu arbeiten war ein echtes Vergnügen, sie ist wundervoll und wir haben viel gelacht!

chexx Haben Sie gewisse Gemeinsamkeiten mit Kröger und wie haben Sie ihre Figur kennengelernt?

Kevin Kline Ich würde lieber nicht unsere Gemeinsamkeiten ausbreiten - außer, dass unsere Namen mit K beginnen. Wir beide lieben es, zu unterrichten und uns durch diese Lehre zu bereichern. Docendo discimus (Durch das Lehren lernen wir) sagten die alten Römer schon. Alles beginnt, wenn ich meine Figur beim Lesen des Drehbuchs treffe, das ist wie ein Arbeitsschema. Dann nähere ich mich der Figur im Laufe der Dreharbeiten, ich entdecke sie von Szene zu Szene, von Moment zu Moment immer besser, bis ich sie mir aneignen kann. Indem er diese verschiedenen Masken trägt, entdeckt sich ein Schauspieler immer ein wenig mehr.

chexx Wie haben Sie sich auf Ihre erste französischsprachige Rolle vorbereitet?

Kevin Kline Dabei geholfen haben mir insbesondere zwei Sprachcoachs in New York und vor allem mein Freund Claudio Todeschini, der mich während der ganzen Dreharbeiten begleitet hat.

chexx Hat sich Ihr Schauspiel durch die fremde Sprache verändert?

Kevin Kline Ja, das ändert alles! Eine fremde Sprache ändert die Art sich auszudrücken und sogar die Art zu denken!

chexx Gibt es Ihrer Meinung nach noch Unterschiede in der Arbeitsweise der amerikanischen und der französischen Schauspieler?

Kevin Kline Mir fällt es schwer, das französische Herangehen an das Schauspiel zu beschreiben, weil die kulturellen und sprachlichen Umfelder so verschieden sind. Außerdem glaube ich inzwischen, dass jede Erfahrung anders ist. Egal, in welcher Schule sie waren, mit wem sie das Schauspielen gelernt haben, ob sie vom Theater oder vom Kino kommen, ob sie sich qualifiziert haben oder ein geborener Schauspieler sind. Für mich ist die Idee des Schauspiels persönlich und ständig in Bewegung. Sagen wir, dass man sie so oft wie möglich neu zu definieren versucht, beinahe fast jedes Mal, wenn man spielt. Ich glaube, dass die Idee vom Spiel immer ganz und gar individuell ist.

chexx Konnten Sie vor den Dreharbeiten Schach spielen und wie sehen Sie dieses Spiel heute?

Kevin Kline Ich habe schon vorher ein wenig Schach gespielt, aber ich musste es für den Film erst richtig lernen, denn Kröger ist ein guter Spieler. Ich musste also mit einem Schachlehrer üben. Um ehrlich zu sein, hatte ich keine Ahnung, wie komplex und kompliziert dieses Spiel ist.

chexx Ist das im Drehbuch des Films präsente Übersichhinauswachsen eine entscheidende Voraussetzung dafür, um glücklich zu sein?

Kevin Kline Interessante Frage. Ich glaube, dass es nötig ist, sich wirklich auf etwas einzulassen, um sich zu entfalten und eine Art von Glück zu finden. Egal ob es dabei um die Arbeit, die Kunst, die Freundschaft oder die Ehe geht - es ist eine Art Verantwortung, sich selbst und der Gesellschaft gegenüber. Ich sage nicht, dass es mir immer gelingt - aber auf jeden Fall versuche ich es.

chexx Ihre Rolle wurde ausschließlich in einer wunderbaren korsischen Landschaft gedreht. Kannten Sie diese Region schon vorher?

Kevin Kline Nein, es war das erste Mal. Leider hatte ich keine Zeit, um mich dort ein wenig umzuschauen und Ausflüge zu machen. Ich hatte auf dem Set viel zu tun und abends im Hotel probte ich meine Dialoge für den nächsten Tag. Die Dreharbeiten waren intensiv und anstrengend, aber wir haben viele besondere Momente miteinander geteilt. Da wir alle in demselben Hotel wohnten, entstand eine große Nähe. Ich finde auch, dass die Franzosen einen anderen Zugang zum Leben haben als die Amerikaner, die alles nach dem Rhythmus der Arbeit ausrichten. In Frankreich ist die Lebensqualität sehr wichtig. Ein Glas Wein, ein gutes Abendessen: Das ist auch wichtig, wenn man einen harten Drehtag hinter sich hat! Ich habe sehr angenehme Dreharbeiten verbracht, aber um Korsika zu sehen, muss ich wiederkommen und zwar ohne einen Film!

chexx Sie sind im komischen und im dramatischen Fach zuhause. Welches Genre liegt Ihnen mehr?

Kevin Kline Nein, ich wollte schon immer Abwechslung: Verschiedene Rollen und Stile, im Theater wie im Kino - Hamlet, Cyrano, Falstaff, Shakespeare, Tschechow. Komödien, Tragödien, Klassisches oder Zeitgenössisches, mir gefällt die Vielfalt!

chexx Würden Sie gerne wieder in Frankreich arbeiten?

Kevin Kline Sicher, und es wäre heute auch einfacher, da ich jetzt besser Französisch spreche. Es tut mir aber Leid, dass ich mit dem Korsischen noch nicht so weit bin!

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