Interview
Nikolai Kinski: Papagei meiner hundertfach gegebenen Antworten
Von Redaktion | 28. Januar 2010    Drucken eMail
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Nikolai Kinski wurde 1976 in → Paris geboren und wuchs in Frankreich und → Kalifornien auf. Mit elf Jahren stand er 1989 zum ersten Mal für den Film Kinski Paganini unter der Regie und an der Seite seines Vaters → Klaus Kinski in Rom vor der Kamera. Mit 18 Jahren ging er an die School of Theatre in Los Angeles, wo er eine vierjährige Schauspielausbildung absolvierte. Danach drehte er eine Reihe von Independent-Filmen. Seit 2004 lebt → Nikolai Kinski in Deutschland und wirkte in vielen deutschen und internationalen Film und Fernsehproduktionen mit. Nun ist er im Kino in Die zwei Leben des Daniel Shore zu sehen.

chexx Was war Ihr Eindruck, als Sie das Buch gelesen haben? Was hat Sie bewogen, die Rolle anzunehmen?

Nikolai Kinski Ich war sofort begeistert. Solche Rollen sind extrem selten. Als ich das Drehbuch las, habe ich gleich an Polanskis Der Mieter gedacht, aber seltsamerweise auch irgendwie an Taxi Driver. Daniel kann, wie Travis, nach einer Grenzerfahrung nicht mehr normal leben, entwickelt Vorstellungen, die ihn besessen machen und schließlich ausbrechen lassen. Beide sind sehr naiv und wollen Gutes tun oder besser gesagt: Böses verhindern. Obwohl die beiden Filme sonst relativ wenig miteinander zu tun haben, war mir durch dieses Vorbild klar, dass es meine Aufgabe ist, den Zuschauer während des ganzen Films über Daniels’ Motive rätseln zu lassen. Ist er Opfer oder Täter? Wahnsinnig oder einfach nur sehr aufmerksam? Und wie weit ist er bereit dafür zu gehen?

chexx Was war für Sie die größte Herausforderung an dieser Rolle?

Nikolai Kinski Dieses Gleichgewicht zu finden, rätselhaft zu bleiben und die Handlung doch ihrem Ende entgegen zu treiben. Ich hab immer darauf geachtet, dass Daniel nicht zu sympathisch oder zu unsympathisch wurde. Er musste unergründlich bleiben, weil die Spannung des Films eigentlich aus dem Verlangen, ihn besser zu verstehen, kommt. Wäre Daniel durchschaubar, könnte der Film nicht funktionieren.

chexx Daniel Shore - was ist das für ein Typ? Wie würden Sie seinen Charakter beschreiben?

Nikolai Kinski Er ist ein typischer Student aus dem unteren Bereich der → Oberschicht, der nicht viel erlebt hat aber schon alles zu wissen und zu beurteilen glaubt. Er möchte die Welt verbessern und Gutes tun. Er ist dabei gleichermaßen naiv und selbstgefällig. Er ist eigentlich ein netter Kerl und seine negativen Seiten sind typische Jugendsünden, die normalerweise irgendwann von selbst verschwinden, wenn nicht vorher etwas Schlimmes passiert...

chexx Klar: Es gehört zur Professionalität eines jeden Darstellers, sehr verschiedene Figuren spielen zu können. Aber steckt in Daniel Shore auch ein Teil von Ihnen?

Nikolai Kinski Es muss ein Teil von mir in ihm stecken und auch von Michael Dreher, schließlich haben wir ihn ja zum Leben erweckt. Welcher Teil das sein könnte, darüber möchte ich aber nicht sprechen. Mir liegt sehr viel daran, meine private Person und mein Privatleben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Ich möchte gerne mein letzter Rückzugsraum bleiben. ““

chexx Haben Sie an Ihrer Figur etwas verändert?

Nikolai Kinski Nicht verändert, aber geholfen sie mitzuentwickeln. Ich kenne das Projekt ja schon seit dem erstenTreatment.

chexx Wie haben Sie sich dieser Figur genähert?

Nikolai Kinski Zur Vorbereitung auf Rollen suche ich meistens zuerst nach filmischen, literarischen oder historischen Vorbildern. Mich interessiert dabei aber nicht so sehr eine Figur in einer ähnlichen Situation zu finden, sondern ähnliche Grundvoraussetzungen für eine Figur in einem völlig anderen Szenario. Das erklärt vielleicht auch, warum ich gleich an Taxi Driver gedacht habe. Ich habe mir aber auch z. B. Malles Irrlicht, Antonionis Beruf: Reporter und → Hitchcocks Im Schatten des Zweifels noch einmal angesehen. Meistens geht es mir dabei nur um das Funktionieren von filmischer Glaubwürdigkeit. So finde ich ein Gefühl für die Situation, das ich für mich neu erschaffen kann.

chexx Reagiert Daniel typisch männlich?

Nikolai Kinski Das glaube ich nicht. Sein Verhalten passt in überhaupt kein → Klischee. Er handelt außergewöhnlich und überraschend.

chexx Was sind die Qualitäten des Regisseurs Michael Dreher?

Nikolai Kinski Michael ist unglaublich → souverän. Er hatte immer eine klare Vorstellung von seinem Film. Deshalb konnte er uns sehr viel Freiheit lassen, weil er immer exakt wusste wann er eingreifen musste.

chexx Wie haben Sie sich kennen gelernt? Kannten Sie seine Filme schon vorher?

Nikolai Kinski Wir kennen uns schon seit neun Jahren. Er hat damals während seinem Filmstudium zusammen mit Peter Geyer den Dokumentarfilm Babyboy gedreht. Die haben mich fünf Tage beim Theaterspielen in New York gestört. Das ging mir damals unglaublich auf die Nerven, aber heute kann ich nicht leugnen, dass diese Erfahrung mich letztendlich nach Deutschland gebracht hat. Wichtig ist, dass wir seither befreundet sind und viel miteinander durchgemacht haben. Und so sehr, wie er die Rolle für mich geschrieben hat, habe ich sie für ihn gespielt.

chexx Sie tragen einen berühmten Namen. Ihr Vater war ein Weltstar, auch ihre Halbschwester ist nach wie vor sehr populär. Natürlich ist ein Vergleich mit Ihrem Vater immer zugleich schmeichelhaft, wie eine Einengung, die auch belasten kann. Ist der Name Kinski für Sie in Deutschland eher ein Segen oder ein Fluch?

Nikolai Kinski Das ist ein absolut zweischneidiges Schwert. Prinzipiell glaube ich, dass ein Vergleich mit meinem Vater für die wenigsten Schauspieler schmeichelhaft wäre. Aber von seinem Sohn erwartet man ja eher eine → Pantomime, dass er ihn imitiert, nachmacht, seinen Platz einnimmt, natürlich schlechter, aber immerhin. Und wenn ich - das ist letztes Jahr wirklich geschehen - bei Zadek ganz in Weiß gekleidet bin, kann ich tags drauf etwas über meinen Fitzcarraldo-Anzug lesen. Vielleicht kann man sagen: So sehr der Name hier in Deutschland meine Bekanntheit beschleunigt hat, so sehr verlangsamt er auch die öffentliche Wahrnehmung meiner Person als Schauspieler.

chexx Halten Sie das für typisch deutsch?

Nikolai Kinski Ich weiß nicht, aber kennen Sie die Geschichte von → Goethes Sohn?

chexx Welche?

Nikolai Kinski Nun, August von Goethe liegt in Rom auf dem kleinen Friedhof für Ungläubige, also Protestanten neben der Cestius-Pyramide. Auf seinem Grabmal steht: Hier ruht der Sohn Goethes. Ich glaube nicht, dass man bei mir soweit gehen wird.

chexx Warum möchten Sie öffentlich ungern auf Ihren Vater angesprochen werden?

Nikolai Kinski Das täuscht, ich bin sehr stolz auf ihn, recht aktiv in der Nachlasspflege und habe mich sogar in meinem Bühnenprogramm Kinski spricht Kinski öffentlich mit ihm auseinandergesetzt. Man kann mich gerne auf ihn ansprechen. Was mir jedoch nicht gefällt ist, dass manche Journalisten mich am liebsten seit Jahren als Papagei meiner eigenen hundertfach gegebenen Antworten hätten. Und dann richtet sich der Fokus der Fragen zumeist leider auch noch auf private Dinge, die in der Öffentlichkeit ohnehin nichts verloren haben.

chexx Wie haben Sie die Dreharbeiten in Marokko erlebt?

Nikolai Kinski Nie vergessen werde ich eine Szene im Taxi in der Rush Hour von Tanger. Michael lag hinter mir im Kofferraum weil die Verbindung für seinen Watchman sonst nicht gereicht hätte. Dann wurden wir tatsächlich von einen anderen Taxi gerammt und Michael schrie obwohl er sich gar nicht verletzt hatte. Von da an wusste ich, dass die → Paranoia des Films auch ihn erwischt hatte.

chexx Worin lag für Sie der besondere Reiz des Ortes?

Nikolai Kinski → Tanger hat eine sehr reiche und vielfältige kulturelle Vergangenheit und ist eine Art Brücke zwischen Afrika und Europa. Der Einfluss von unzähligen Kulturen und Religionen hat sich hier seinen Weg in die Identität der Stadt und ihrer Bürger gebahnt. An den meisten Tagen kann man Spanien sehen, auf den Straßen mit jedermann französisch sprechen und obwohl man sich sehr stark akzeptiert fühlt, ist es unmöglich auch nur für den Bruchteil einer Sekunde zu vergessen, dass man sich gerade in Nordafrika befindet. Und dann gibt es da dieses goldene Licht und die unbeschreibliche Luft, die etwas mit dem Aufeinandertreffen des Mittelmeers mit dem Atlantik zu tun haben muss. Marokko war auch eindeutig besser klimatisiert als die Stuttgarter Fabrikhalle in der die Innenaufnahmen gemacht wurden. Die war riesig und sie im Winter angemessen zu beheizen, hätte den Etat deutlich gesprengt.

chexx Sie sind als Hauptfigur der einzige, der sich in beiden Welten bewegt. Hat man den Unterschied auch beim Drehen gespürt?

Nikolai Kinski Spannend war, dass die Arbeitsweise in Deutschland und Marokko auch wirklich so unterschiedlich war, wie Deutschland und Marokko unterschiedlich sind. In Marokko habe ich zumeist mit wunderbaren, unausgebildeten Naturtalenten, in Deutschland zumeist mit wunderbaren Theaterschauspielern arbeiten dürfen.

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