Exlusiv Interview
Tierschützer Willie Smits: Unsere besten Informanten sind die Schulkinder
Von Diana Sonnenberg | 03. Februar 2009    Drucken eMail
Seit über 18 Jahren kämpft der gebürtige Niederländer und gelernte Forstwissenschaftler Dr. Willie Smits in Indonesien für das Überleben der Orang-Utans, deren DNA eine Übereinstimmung von 97 Prozent mit der menschlichen DNA aufweist. Um die Tiere vor dem Aussterben zu bewahren, gründete Willie Smits 1991 die BOS (Borneo Orangutan Survival Foundation). Heute ist die BOS das größte Primatenschutzprojekt der Welt. Willie Smits hat mit Diana Sonnenberg über die Zerstörung des Regenwaldes, die unsagbaren Qualen der Orang-Utans in Privathaushalten und die schwierige Situation in Indonesien gesprochen.

chexx Orang-Utans leben heute nur noch auf Borneo und Sumatra. Welche Unterschiede bestehen zwischen Borneo- und Sumatra-Orang-Utans?

Willie Smits Sie unterscheiden sich in Verhalten und Aussehen. Auch das genetische Material weist Abweichungen auf. Der Sumatra-Orang-Utan hat ein intensiveres rötliches Fell und ist etwas geselliger. Zudem sind sie etwas graziler und haben hellere Gesichter. Aber auch da gibt es dann jeweils noch viele Variationen.

chexx Wie viele frei lebende Orang-Utans existierten noch vor etwa zehn Jahren und wie viele leben augenblicklich noch?

Willie Smits Vor zehn Jahre noch etwa 80.000, jetzt etwa 38.000 Tiere. Die Zahl schrumpft aber Jahr für Jahr um etwa zehn Prozent.

chexx Welche Ursachen gibt es für das drohende Aussterben der Orang-Utans in Indonesien?

Willie Smits In erster Linie liegt es an der Zerstörung des Lebensraumes durch Abholzung und Brandrodung. Die entstehenden Industrieplantagen, zum Beispiel für Palmöl, sind ebenso ein Problem wie der Export von Tropenhölzern. Aber auch der illegale Tierhandel bedroht die Orang-Utans.

chexx Ist Deutschland indirekt an der Ausrottung der Tiere beteiligt, weil beispielsweise Holz oder Palmöl aus Indonesien importiert werden?

Willie Smits Ja. Palmöl wird in Deutschland vielseitig eingesetzt: In mehr als zehn Prozent aller Produkte, die man in den Supermärkten kaufen kann. Es wird auch als Bio-Diesel benutzt. Die illegale Zerstörung der Wälder findet statt, um Ölpalmen anzupflanzen. Dafür sterben in Indonesien Tiere. In den Sumpfwäldern Indonesiens leben die letzten Orang-Utans, und genau dieser Regenwald schützt auch unser Klima. Mit Palmöl aus solchen Wäldern reduziert man den CO2-Ausstoß nicht, sondern man erhöht ihn in Wirklichkeit.

chexx Wenn die Wilderei, der illegale Verkauf von Orang-Utan-Babys und die Vernichtung des Lebensraumes dieser einzigartigen Tiere so weiter gehen, in wie vielen Jahren gäbe es dann in Indonesien keine Orang-Utans mehr?

Willie Smits Es wird bestimmt auch noch in 50 Jahren irgendwo in weit entfernten, kleinen Wäldern Orang-Utans in Indonesien geben. Die Frage ist bloß, wie lange es noch eine ausreichend große Population gibt, die auf Dauer das Überleben sichern kann. Damit meine ich, dass wir mindestens 1000 Orang-Utans in einem etwa 30.000 Hektar großen, gut geschützten Gebiet haben müssen. Solche Gebiete gibt es kaum noch. Und damit muss man dann sagen, dass die langfristige Zukunft für Orang-Utans schon fast verschwunden ist. Meiner Meinung nach bleiben nur noch etwa zwei Jahre Zeit dafür.

chexx Viele Orang-Utans werden gezwungen, unter nicht artgerechten Umständen in Privathaushalten oder dubiosen Einrichtungen zu leben. Wie viele Orang-Utans konnten Sie schon aus illegaler Tierhaltung befreien?

Willie Smits Bereits über 2000.

chexx Zu welchem Preis wird ein Orang-Utan-Baby auf dem Schwarzmarkt verkauft?

Willie Smits Das kommt auf den Ort an. Wenn ein Dayak ein Orang-Utan Baby lokal verkauft, bekommt er etwa 10 oder 15 Euro dafür. Wenn der Händler in Jakarta dieses weiter verkauft, erhält er schon etwa 500 - 1000 Euro. Wenn das Baby Taiwan oder Thailand erreicht, ist es schon 5000 Euro wert. Wenn es in Amerika oder Europa ankommt, steigt der Preis auf bis zu 50.000 Euro.

chexx Was passiert mit den getöteten Muttertieren?

Willie Smits Manchmal essen die Wilderer das Fleisch oder verkaufen es an Händler. Oft hacken sie den Müttern den Kopf ab. Dieser wird dann zu einem Dayak Souvenir für dumme Touristen. Manchmal mischt man das Fleisch mit Rattengift und verbreitet es zwischen den Ölpalmen, um damit schädliche Wildschweine zu töten. Manchmal bleibt die Leiche aber auch einfach dort, wo das Tier vom Baum geschossen wurde, liegen und wird von Wildtieren und Ameisen gefressen.

chexx Woher bekommen Sie die Tipps, wo die Tiere illegal gehalten werden? Die Informanten leben doch sicherlich sehr gefährlich, oder?

Willie Smits Drei Mal schon sind Informanten verschwunden oder getötet worden. Unsere besten Informanten sind die Schulkinder.

chexx Auch Sie wurden schon mehrfach bedroht, weil Sie den Wilderern durch Ihren Einsatz und Schutz der Tiere ein Millionengeschäft zerstören. Wie leben Sie mit der täglichen Bedrohung?

Willie Smits Wenn man ständig daran denkt, hat man kein Leben mehr. Ich lebe jeden Tag so gut wie es geht.

chexx Um die Ausrottung der Tiere zu stoppen, gründeten Sie 1991 die BOS. Wie viele Rettungs- und Rehabilitationsstationen konnten Sie seitdem erbauen und wo befinden sich diese?

Willie Smits Insgesamt 15 Stück in ganz Indonesien, zum Teil auch für andere Tierarten.

chexx Wie viele Mitarbeiter sind bei der BOS in Indonesien beschäftigt?

Willie Smits Durch finanzielle Probleme ist ein Teil des Personals jetzt weg. Es waren mal 473, jetzt glaube ich noch etwa 300. Aber indirekt profitieren tausende Familien von der Arbeit der BOS.

chexx Sie haben auch schon Orang-Utans aus Bordellen befreit, wo sie von männlichen Touristen missbraucht wurden. Können die Tiere nach diesen schrecklichen Erfahrungen mit Menschen überhaupt Vertrauen zu Ihren Mitarbeitern fassen und das Erlebte verarbeiten?

Willie Smits Pony war einer der schlimmsten Fälle. Inzwischen geht es ihr wieder sehr gut. Sie ist so lieb, lebt jetzt auf der Kaja Insel und ist schwanger.

chexx Was war die schlimmste Situation, aus der Sie einen Orang-Utan befreien konnten?

Willie Smits Da gibt es leider viele. Es gab mal den Fall der Affenfrau Unyil. Sie hatte 12 Jahre lang in einem viel zu kleinen Drahtkäfig gesteckt, durch dessen Gitter ihre Arme und Beine hindurch gewachsen waren, weil er in all den Jahren viel zu klein geworden war. Sie stand unter ständiger Folter. Bei ihrer Befreiung reckte sie sich, streckte ihre Arme in den Himmel und umarmte weinend ihren Befreier. Aber es gibt auch viele andere Fälle, vor allem wenn die Tiere in Zirkusshows auftreten müssen oder als Prostituierte oder Pornofilmdarsteller missbraucht werden. Das Elend der Tiere ist oft unsagbar groß.

chexx Wie lange muss ein misshandeltes Tier etwa bei der BOS bleiben, ehe es wieder ausgewildert werden kann?

Willie Smits Das ist abhängig von der Persönlichkeit eines jeden Tieres. Genau wie beim Menschen. Unser Orang-Utan Anih sitzt schon seit 18 Jahren mit verschränkten Armen da und schaukelt nur noch. Hospitalismus nennt sich dieses Krankheitsbild und es ist unheilbar. Aber die meisten brauchen etwa 4 - 5 Jahre.

chexx Wie läuft so eine Auswilderung?

Willie Smits Menschliche Ersatzmütter helfen den kleinen Affen bei den ersten Kletterversuchen und der Suche nach Früchten. Der Orang-Utan muss lernen, alleine im Wald zu überleben. Der Prozess dauert oft viele Jahre und verläuft je nach Schicksal des Tieres anders.

chexx Wie schwer fällt es Ihnen, einen lieb gewonnenen Orang-Utan nach intensiver Pflege wieder in die Wildnis des Regenwaldes zu entlassen?

Willie Smits Inzwischen ist es nicht mehr so schwierig. Ich weiß ja, dass die meisten es schaffen in freier Wildbahn zu überleben. Und sie sind glücklich draußen im Wald. Wir Menschen sind ihre einzigen Feinde. Sie gehören nun einmal in den Wald, denn dort lebt ihre Gemeinschaft. Aber am Anfang war es sehr schwierig, weil man sich immer fragte, ob sie es alleine schaffen, im Wald zu überleben.

chexx Wie viele Tiere schaffen es nach der Auswilderung tatsächlich, in freier Wildbahn zu überleben?

Willie Smits Die meisten. Aber man weiß es vorher nie genau. Nach der Auswilderung verbreiten sie sich auf über 100.000 Hektar unübersichtlichen Wald. Und oft wollen die Orang-Utans sich nicht mehr zeigen. Wenn ich in den Sungai Wald gehe, dann sehe ich ungefähr fünf Orang-Utans jedes Mal. Andere Personen entdecken keinen oder mal einen. Weil die Orang-Utans natürlich selbst bestimmen ob sie gesehen werden wollen.

chexx Ist es schon vorgekommen, dass ein Tier nicht mehr ausgewildert werden konnte? Was geschieht dann mit diesen Tieren?

Willie Smits Ja, schon oft. Wenn die Tiere chronische Hepatitis B oder C haben. Wir versuchen zurzeit eine Insel zu kaufen, wo diese Orang-Utans trotz chronischer Erkrankung den Rest ihres Lebens bleiben können.

chexx Gab es ein besonders ergreifendes oder schönes Erlebnis mit einem ausgewilderten Orang-Utan?

Willie Smits Die Orang-Utan Dame Tuti verschwand zwei Tage nach ihrer Freilassung im Sungai Wald und wurde erst drei Jahre später wieder entdeckt. Neun Jahre nach ihrer Auswilderung zeigte sie sich schwanger einem BOS-Betreuer. Aufgrund ihrer gelähmten Hand hatte man sie bereits für tot gehalten.

chexx Wie finden Sie Unterstützung für Ihre Rehabilitationsstationen? Wie wird die BOS finanziert?

Willie Smits Nur durch Spenden.

chexx Wie kann sich jeder einzelne Leser engagieren und die BOS unterstützen?

Willie Smits Informationen gibt es unter Fans for Nature (www.fansfornature.de ), Borneo Orang-Utan Hilfe (www.borneoorangutanhilfe.de) BOS Deutschland (www.bos-deutschland.de) oder www.orangutan.or.id.

chexx Sie arbeiten seit 18 Jahren für den Schutz der Orang-Utans. Was hält Ihre Motivation über einen so langen Zeitraum aufrecht?

Willie Smits Wenn Sie einmal in die Augen eines Orang-Utans geschaut haben, dann wissen Sie es.

chexx Möchten Sie für immer in Indonesien bleiben?

Willie Smits Egal wie schwierig es auch wird, die Antwort lautet Ja.

 

Fotos: BOS.
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