Exlusiv Interview
Christian Moser: Ich bin ein altmodischer analoger Materialfetischist…
Von Diana Sonnenberg | 21. Januar 2009    Drucken eMail
Mit 18 Jahren brachte Christian Moser seinen ersten Comic in der Münchener Stadtzeitung unter. Seine Monster des Alltags geben Antworten auf Fragen wie Was will die Peinlichkeit von mir? oder Wieso habe ich Liebeskummer?. Im März erscheint der dritte Monster-Band. Darin offenbaren die Monster weitere Zwänge und Triebe, die jeder von uns sehr gut kennt… Diana Sonnenberg hat für chexx mit Christian Moser über den Ursprung seines Zeichentalents, sein Dasein als (Über-)Lebenskünstler und seinen Hang zum Perfektionismus gesprochen.

chexx Sie stammen aus einer Künstlerfamilie. Wurde Ihnen das Zeichentalent in die Wiege gelegt?

Christian Moser Künstlerische Begabungen sind in unserer Familie wirklich recht verbreitet. Mein Vater war ein erfolgreicher Maler und Bildhauer, meine Mutter gelernte Opernsängerin, die später im großen Stil Weihnachtsschmuck herstellte. Mein Bruder ist Architekt, Bildhauer und Modellbauer, und schon unser Opa war ein begnadeter Bastler. Da war es wohl in der Tat ziemlich nahe liegend, diesen Weg einzuschlagen.

chexx Was waren Ihre ersten Versuche im Bereich Comiczeichnen?

Christian Moser Schon bevor ich in die Schule kam, habe ich mit einem Freund ziemlich blutrünstige Abenteuergeschichten live gezeichnet, immer abwechselnd jeder ein Bild, begleitet von lautstarken Kommentaren und Gebrüll: Dann zieht der Ritter sein Schwert und hackt dem Piraten den Kopf ab, haaaa... ...aber dann springt ein riesiger Wal aus dem Meer und verschluckt das ganze Schiff! Welches Schiff? Waren wir nicht gerade noch in einer Burg? So entstanden stapeldicke Comics - oder Storyboards - von denen aber leider keines erhalten ist. Zur gleichen Zeit hab ich aber auch schon richtige Strips gezeichnet. Da ich noch nicht lesen und schreiben konnte, hab ich die Sprechblasen mit Gekrakel gefüllt, das mir meine Eltern dann vorlesen sollten...

chexx Warum zeichnen Sie Comics und keine Landschaftsbilder?

Christian Moser Landschaften waren ja das Metier meines Vaters, vielleicht wollte ich einfach nicht mit ihm konkurrieren. Davon abgesehen, haben mich aber schon immer Menschen mehr interessiert als Natur oder Architektur, und vor allem geht es mir darum, Geschichten zu erzählen.

chexx Mit welchen Techniken und Materialien arbeiten Sie vorrangig?

Christian Moser Hauptsächlich mit Bleistift, Feder und Tusche auf Papier, koloriert wird meist auch ganz klassisch mit Pinsel und Aquarell. Ich bin ein altmodischer, analoger Materialfetischist und arbeite nicht gern am Computer.

chexx Sie erwecken von sich auf Ihrer Homepage (www.christianmoser.de) ein bisschen das Bild eines Chaoten. Trifft es das?

Christian Moser Ehrlich gesagt bin ich für einen Künstler sogar ziemlich gut organisiert, manchmal fast schon pedantisch. Dass trotzdem dieser Eindruck entsteht, zeigt allerdings, dass ich wohl zumindest beim Zusammenstellen der Homepage nicht sehr präzise war...

chexx Muss man als Comiczeichner in einigen Lebensabschnitten ein (Über-)Lebenskünstler sein?

Christian Moser Das ist wohl wahr. Da es in diesem Bereich keine wirklich planbare Ausbildung gibt und vieles von Glück und Zufall abhängt, muss man zumindest über viel Geduld, Durchhaltevermögen und einen gesunden Optimismus verfügen. Eine gut entwickelte Selbstüberschätzung kann zumindest in den frühen Jahren auch nicht schaden.

chexx Wenn man an einem Projekt wie dem Comicstrich mitarbeitet, ist es doch sicherlich sehr schwer unter dem Zeitdruck der nächsten Veröffentlichung künstlerisch kreativ zu bleiben, oder?

Christian Moser Genau das war der Grund, warum die Gruppe nur etwa vier Jahre überlebte. Je größer der Erfolg wird, desto mehr Arbeit muss man in die Organisation stecken, und das geht natürlich zu Lasten der eigenen kreativen Arbeit. Zu Beginn sprühten wir alle vor Ideen und arbeiteten begeistert gemeinsam die Nächte durch, doch dann zog sich einer nach dem anderen aus der Redaktion zurück, um sich der eigenen Karriere zu widmen. Als Kapitän war ich einer der letzten, die von Bord gingen, und danach fiel ich folgerichtig erst mal in ein tiefes Loch und betäubte mich mit gut bezahlten Auftragsarbeiten. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis ich wieder Lust hatte mit den Kleinen Köpfen etwas ganz eigenes zu machen.

chexx Sie arbeiten stetig an einer Serie fiktiver Porträts, den Kleinen Köpfen. Ist Ihnen schon mal ein Mensch auf der Straße begegnet, den Sie dafür als Vorlage verwendet haben?

Christian Moser Die Köpfe sind, wie gesagt, keine konkreten Portraits real existierender Menschen. Aber natürlich gibt es oft Vorbilder, seien das nun Kneipenhocker, Fahrgäste in der U-Bahn oder lokale CSU-Kandidaten, die als Inspiration dienen. Manchmal müssen auch historische Persönlichkeiten herhalten. Allerdings verändern sich diese Vorbilder sehr stark, wenn sie zu Kleinen Köpfen werden. Dass trotzdem viele glauben, einen Bekannten zu erkennen, liegt wohl daran, dass die Variationsmöglichkeiten des menschlichen Gesichts nicht unbegrenzt sind.

chexx Wie viele Köpfe haben Sie bereits entworfen?

Christian Moser Es dürften derzeit so um die 400 sein. Und es werden immer noch mehr, auch wenn ich mich im Moment mehr auf Bücher konzentriere - vor allem den neuen Band der Monster des Alltags.

chexx Ihre Monster des Alltags karikieren bestimmte Lebensbegleiter, die unsere Triebe und Zwänge bestimmen, wie beispielsweise der Komplex, der Stress oder auch der Suff. Wie kam Ihnen diese Idee?

Christian Moser Die Grundidee ist schon Mitte der 90er Jahre entstanden. Ursprünglich sollte es ein Kalender werden, für den sich aber kein Verlag fand. Damals war die Sache auch noch etwas weiter gefasst, es gab Monster wie die Warteschlange oder die Grippewelle. Als ich einige Jahre später dann nach einem Thema für ein neues Buch suchte, zog ich die Monster wieder aus der Schublade, und bei der Arbeit wurde mir bald klar, dass es besser ist, sich nur auf psychologische Phänomene zu konzentrieren.

chexx Sind einige der Monster aufgrund einer gnadenlos ehrlichen Selbstanalyse entstanden?

Christian Moser Die Arbeit an einem Monsterbuch gleicht ein wenig einer Gruppentherapie. Wenn meine Co-Autorin Carolin Sonner und ich uns für einen Begriff wie zum Beispiel Eifersucht oder Gründlichkeit entschieden haben, geht es erst mal ans Eingemachte: Wir diskutieren ausführlich, welche Erfahrungen wir diesbezüglich mit anderen Menschen gemacht haben und wie wir selbst damit umgehen. Wenn wir dann definiert haben, welche Aspekte des Begriffs wir im Buch behandeln wollen, überlegen wir uns, wie solch ein Verhalten wohl zustande kommt, welche Motivation und Strategie also seitens des zuständigen Monsters dahinter steckt.

chexx In welchem Alltagsmonster finden Sie sich am ehesten wieder?

Christian Moser Es gibt wenige, die mir völlig fremd sind, aber ich könnte eigentlich nicht sagen, dass eines übermäßig dominiert. Autobiographisches und Beobachtung anderer Menschen mischen sich hier recht harmonisch.

chexx Haben Sie ein Lieblingsmonster, das Ihnen ganz besonders ans Herz gewachsen ist?

Christian Moser Dazu möchte ich mich eigentlich nicht äußern. Die Monster sind ja gewissermaßen meine Kinder: Ich liebe sie alle und möchte keines bevorzugen.

chexx Hat schon mal jemand daran gedacht, Ihre Monster des Alltags zu animieren?

Christian Moser Es gab immer wieder Pläne, aber bis jetzt haben wir noch keinen Rahmen gefunden, mit dem wir wirklich glücklich sind. Das kann sich aber durchaus noch ändern.

chexx Sie sind nicht nur Zeichner, sondern auch Autor. Nehmen wir beispielsweise ein Werk wie Rotröckchen und der böse Wolf, eine erotische Persiflage zu Grimms Märchen: Nach welchen Kriterien suchen Sie den Gegenstand für ein neues Buch aus?

Christian Moser Das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Die Idee zu Rotröckchen kam eigentlich nicht von mir, sondern vom Verlag. Ursprünglich sollte ich das Buch nur illustrieren, doch dann ist der Autor abgesprungen und der Lektor hat mich gefragt, ob ich nicht auch die Texte verfassen möchte. Ich fand die Idee reizvoll, und so wurde Rotröckchen mein erstes Buch. Grundsätzlich muss mich ein Thema genug faszinieren, dass ich eine längere Zeit damit verbringen möchte, und sollte die Hoffnung bestehen, dass es auch die Leser fesselt. Bei Biographien wie Goethe - die ganze Wahrheit ist es außerdem sinnvoll, anstehende Jubiläen zu nutzen, um vom öffentlichen Interesse für ein Thema zu profitieren. Man will ja schließlich auch gelesen werden.

chexx Wie vollzieht sich die Entwicklung einer solchen Geschichte?

Christian Moser Wenn die Geschichte ein Vorbild in der Realität hat - sei es nun eine Biographie oder eine Persiflage - betreibe ich erst mal ein ausgiebiges Quellenstudium. Für mein Freud-Buch habe ich mehrere Biographien sowie Freuds wichtigste Werke gelesen und dabei ausführliche Exzerpte erstellt. Während dessen entstehen schon Ideen für erste Szenen, aber erst wenn ich mir über die Struktur und den Rhythmus des Buches klar bin, mache ich mich ans detaillierte Schreiben. Meist ist die Geschichte dann erst mal viel zu lang, bei Freud musste ich fast ein Drittel des ursprünglichen Textes opfern, um auf die vorgegebene Seitenzahl zu kommen.

chexx Schreiben Sie erst die Geschichte und illustrieren sie dann, oder entwickeln Sie Geschichte und Zeichnung gleichzeitig?

Christian Moser Das variiert je nach Projekt. Meist schreibe ich zuerst den Text, aber es kommt auch vor, dass eine Bildidee der Auslöser für eine Szene ist. Die Reinzeichnungen führe ich aber erst ganz zum Schluss aus, wenn ich weiß, wie lang die Texte sind und wie viel Platz für die Bilder bleibt.

chexx Wie lange brauchen Sie von der Idee bis zum fertigen Buch?

Christian Moser Das hängt von Umfang und Thema des Buches ab, aber in der Regel dauert es schon ein bis zwei Jahre. Das weckt in mir natürlich die Sehnsucht nach dem kleinen, schnellen Buch... mal sehen, ob ich das in nächster Zeit mal wieder hinbekomme.

chexx Sehen Sie sich primär eher als Autor oder als Zeichner?

Christian Moser Ich sehe mich lieber als Autor, bin aber wohl in erster Linie Zeichner: Letzteres kann ich wohl besser, da ich es praktisch schon immer mache, und gerade deshalb ist das Schreiben die spannendere Herausforderung.

chexx Wird der Eigenanspruch an die eigenen Werke und der Hang zur Perfektion mit der Zeit immer höher?

Christian Moser O ja, leider! Man wird zwar erfahrener und lernt immer mehr dazu, aber gleichzeitig werden einem auch die eigenen Grenzen immer bewusster. Perfektion ist ein schönes Ziel, aber leider unerreichbar. Ich denke manchmal sehnsuchtvoll an die Zeiten zurück, als ich einen spontan am Biertisch ausgedachten 5-Seiten Comic in einer einzigen, euphorischen Nachtschicht zu Papier bringen konnte und dann auch noch zufrieden damit war... das ist leider unwiederbringlich vorbei.

chexx Ein wenig Promotion darf sein: Wann kommt ein neues Buch?

Christian Moser Der dritte und voraussichtlich letzte Band meiner Monsterreihe, Die teuflischen Tricks der Monster des Alltags, erscheint Ende März. Und zeitgleich trete ich dann auch wieder gemeinsam mit dem Kabarettisten Severin Groebner mit unserem nagelneuen Bühnenprogramm Monster des Alltags - Warum immer ich? auf. Termine und weitere Informationen sind auf www.monster-des-alltags.de zu finden.

Zum Schluss noch ein paar ganz private Einblicke:

chexx Meine größte Schwäche ist:

Christian Moser Dass es mir sehr schwer fällt, mich kurz zu fassen - siehe dieses Interview.

chexx Kreativität bedeutet für mich:

Christian Moser Kurze Momente des Glücks, wenn man spielerisch auf eine gute Idee stößt, dann lange, harte und manchmal frustrierende Arbeit, um eine halbwegs vertretbare Umsetzung zu erreichen.

chexx Diese drei Eigenschaften beschreiben meinen Charakter am treffendsten:

Christian Moser Es tut mir leid, aber von einem Monsterforscher darf man wirklich nicht verlangen, sich auf nur drei Eigenschaften zu beschränken.

chexx So sehe ich mich selbst:

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