Exlusiv Interview
Arne Hoffmann: Sehr viele haben wohl schon mal den Partner gefesselt oder ihm die Augen verbunden
Von Diana Sonnenberg | 25. November 2008    Drucken eMail
Die moderne Subkultur des Sadomasochismus ist in der heutigen Zeit weit verbreitet und äußerst vielfältig. Trotzdem halten sich in den Medien viele Vorurteile zu diesem Thema, die einer informativen Berichterstattung oftmals im Wege stehen. Wenn man sich genauer umschaut , so sind in den Medien jedoch noch zahlreiche andere Tabuthemen anzutreffen. Wer redet in unserer Zeit schon über pädophile Frauen, Diskriminierung von Männern oder sexuellen Missbrauch von Frauen an Männern…? Niemand! Fast niemand! Denn Arne Hoffmann hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Themen zum Gegenstand seiner Bücher zu machen. Arne Hoffmann spricht, wo andere lieber schweigen… Mit Diana Sonnenberg hat er für chexx über die größten Tabuthemen unserer Zeit und die Diskriminierung von Männern in unserer Gesellschaft gesprochen.

chexx Sie beschäftigen sich in Ihren Artikeln und Büchern vor allem mit Themen, die man als Tabuthemen bezeichnen kann. Wie lautet Ihre Definition eines Tabus?

Arne Hoffmann Ein Tabu ist das Unberührbare einer Gesellschaft. Dabei unterscheide ich zwischen Handlungs-, Sprach- und Darstellungstabus. Am deutlichsten wird das am Beispiel des sexuellen Missbrauchs. Dass es sich dabei um ein Handlungstabu handelt, ist nachvollziehbar. Weniger einsichtig ist, dass bis in die achtziger Jahre hinein über dieses heikle Thema nicht gesprochen wurde. Sexueller Missbrauch durch Mütter oder pädophile Frauen ist auch heute in der Berichterstattung der Medien noch tabuisiert. Sehr schwierig zu beurteilen ist schließlich, ob sexueller Missbrauch beispielsweise in einem Film, einer Theateraufführung oder einem Comic dargestellt werden darf. Hier kommt es wohl auf den Einzelfall an. Interessant ist, dass es häufig keine eindeutige gesellschaftliche Instanz gibt, die festlegt, wo genau die Grenze zum Tabu verläuft. Oft wird dies erst durch den Aufschrei der Empörung deutlich, wenn jemand diese Grenze überschreitet. Und natürlich verschieben sich diese Grenzen ständig. Der Impressionismus sorgte in der Zeit seines Entstehens für Aufruhr, heute ist er ein Tapetenmuster.

chexx Tabuthemen berühren wunde Punkte einer Gesellschaft. Welche Themen würden Sie als die größten Tabuthemen unserer Zeit bezeichnen?

Arne Hoffmann Zum Bruch der meiner Ansicht nach derzeit zentralen Sprachtabus habe ich mit meinen Büchern gezielt beigetragen: sexueller Missbrauch durch Frauen, die Benachteiligung von Männern in unserer Gesellschaft, Menschen in reifem Erwachsenenalter ohne Erfahrungen mit Sexualität und Partnerschaft, wissenschaftliche Jenseitsforschung, die Unterstellung von Antisemitismus als perfide Waffe in der politischen Debatte.

chexx Wird es immer wechselnde Tabuthemen geben, weil sie ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur sind?

Arne Hoffmann Vermutlich.

chexx Inwiefern wird ein Tabuthema von der Gesellschaft festgelegt?

Arne Hoffmann Durch seine Abwesenheit, also zum Beispiel dadurch, dass es in den Medien nicht vorkommt, obwohl man selbst spürt, dass es viele Menschen beschäftigt. Und natürlich gibt es Lobbygruppen, die einen Tabubrecher zum Unmenschen und Ausgegrenzten zu machen suchen. In den von mir eben genannten Beispielen wären das zum Beispiel die feministische Lobby (Alice Schwarzer und Co.) sowie die neokonservative Pro-Israel-Lobby (Henryk Broder, Michael Miersch und Co.) Der erbarmungslose, geradezu hasserfüllte Umgang mit Tabubrechern (beispielsweise mit Jürgen Möllemann und Eva Herman) soll jedem anderen signalisieren, dass er besser die Klappe hält, wenn er nicht auch von einer geifernden Meute fertiggemacht werden will. Es ist kein Zufall, dass die von mir genannten Tabuschützer sämtlich Journalisten sind. Viele Medienmenschen scheinen sich insgeheim als neue Priesterkaste zu verstehen, die Tabus zu schützen hat - dabei ihre Macht aber zu eigenen Tabubrüchen nutzt, um damit Handlungstabus aufzulösen. So fordert Alice Schwarzer Straffreiheit für Kindermörderinnen und die Gruppe um Broder, Miersch und Josef Joffe unterstützten durch ihre journalistische Tätigkeit einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf den Irak, der bisher zu mehreren hunderttausend Toten führte. Von der Folter in Lagern wie Guantanamo ganz zu schweigen, die von Broder und Miersch immer wieder verteidigt und verharmlost wurde. Hier hätte man sich ein Aufrechterhalten des Tabus gewünscht.

chexx 1995 veröffentlichten Sie unter dem Pseudonym Cagliostro Ihre erste sadomasochistische Geschichte Die Kommilitonin. Auch später benutzten Sie häufiger ein Pseudonym. Hatten Sie Bedenken, in der Öffentlichkeit mit dem Sadomasochismus in Verbindung gebracht zu werden?

Arne Hoffmann 1995 lebte meine Mutter noch und ich wollte ihr nicht zumuten, von Bekannten auf meine SM-Bücher angesprochen zu werden. Inzwischen habe ich das Pseudonym gelüftet und benutzte es eine zeitlang lediglich zur Unterscheidung: Cagliostro schrieb SM-Romane, Arne Hoffmann die Sachbücher. Mit Die Sklavenmädchen von Wiesbaden ist allerdings mein erster SM-Roman unter meinem Klarnamen erschienen.

chexx Beim Sadomasochismus denken viele an dunkle Kettenkeller, Blut und Schmerzen. Gibt es da Abstufungen?

Arne Hoffmann Selbstverständlich. Alle Spiele mit Macht, Hingabe, Unterwerfung und Kontrollverlust gehören zum SM-Bereich. Kaum jemand hat einen Kerker im Keller, aber sehr viele haben wohl schon mal den Partner gefesselt oder ihm die Augen verbunden.

chexx Sie haben zahlreiche Sachbücher zum Thema Sexualität und Erotik veröffentlicht, unter anderem das Lexikon des Sadomasochismus. Woher beziehen Sie Ihr umfassendes Wissen?

Arne Hoffmann Aus eigenen Erfahrungen, Unterhaltungen mit Freunden und Bekannten sowie einer intensiven Recherche über sehr viel Literatur und Fachseiten im Internet.

chexx Als Sie 2001 über sexuelle Gewalt von Frauen an Männern berichteten, verursachten Sie eine rege Diskussion. Warum ist es so, dass dieses Thema scheinbar nicht in die Gesellschaft passt?

Arne Hoffmann Die klischeehafte Vorstellung von Männern als Tätern und Frauen als Opfern besteht vermutlich seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte. Leider hat der Feminismus vielfach nur dazu beigetragen, dieses Vorurteil zu verstärken, statt es zu beseitigen. Betroffene Männer trauen sich vielfach noch immer nur in anonymen Befragungen sich zu outen, weil sie ansonsten Hohn, Spott und Verständnislosigkeit befürchten müssen.

chexx Sie sind Vorreiter des Maskulismus in Deutschland. Darf man sich als Mann in unserer Gesellschaft nicht diskriminiert fühlen? Ist das nur den Frauen vorbehalten?

Arne Hoffmann Offenbar ja. Denn sobald man sich als Mann entsprechend äußert - und sei es stellvertretend für andere Männer, wie Opfer von häuslicher Gewalt, Obdachlose, Selbstmörder etc. - wird man von den selbsternannten Alphamädchen bis hinauf zur taz-Chefin Bascha Mika als Jammerlappen beschimpft. Das reaktionäre Motto Ein Indianer kennt keinen Schmerz wird am stärksten von den Feministinnen verteidigt - weil sie so sicher sein können, dass nur ihre weiblichen Anliegen Gehör finden.

chexx Heißt das, Sie sind gegen die weibliche Emanzipationsbewegung?

Arne Hoffmann Nein, ich finde, sie wird nicht ernsthaft genug betrieben. Meine Idealvorstellung ist die liberale US-amerikanische Feministin Wendy McElroy, die mit Männerrechtlern zusammenarbeitet. So jemanden gibt es in Deutschland bislang leider nicht. Eine Orientierungshilfe können hier auch die skandinavischen Staaten bieten, wo man sich Frauen- und Männeranliegen gleichermaßen widmet.

chexx Welche Tabuthemen halten Sie in der Öffentlichkeit für dringend diskutierbar?

Arne Hoffmann Die Themen, die ich schon eingebracht habe. Sollten weitere Themen dazukommen, darf man auch dazu neue Bücher von mir erwarten.

chexx Wagen Sie für uns eine Prognose: Welche Tabus werden sich in absehbarer Zeit bilden, welche werden verschwinden?

Arne Hoffmann Die meisten der von mir genannten Tabus sind schon allmählich dabei zu verschwinden, wobei es mit den Themen sexuelle Gewalt durch Frauen an Männern und sexueller Missbrauch durch Mütter am längsten dauern dürfte. Da geht in unseren Medien bislang noch gar nichts. Was die Entstehung neuer Tabus angeht: Nachdem inzwischen im Internet jeder Einzelne seine Meinung verbreiten kann, haben es die klassischen Tabuwächter sehr viel schwerer, ihre Berührungsverbote durchzusetzen. Auch eine immer globalere, heterogenere und zugleich immer besser vernetzte Gesellschaft macht die Etablierung neuer Tabus schwierig. Das muss allerdings nicht unbedingt gut sein, sondern kann zum Beispiel auch Erfolg für Antisemiten, Rassisten und menschenfeindliche Fundamentalisten bedeuten. Man kann zum Beispiel einen Blog, in dem gegen Juden, Farbige oder Muslime gehetzt wird, auf einen ausländischen Server verlegen und sich weitgehend ungestört diesen Widerwärtigkeiten widmen. Es gibt ja auch Tabus, die einen Sinn haben.

Foto: Marcus Thelen

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