Interview
Interview mit Pierre Richard
Von Redaktion | 17. Oktober 2008    Drucken eMail
Der Film Paris, Paris spielt in den 30er Jahren in Paris. Die Belegschaft des Musiktheaters Chansonia kämpft darum, das geschlossene Haus mit einer eigenen Show wieder zu eröffnen - es gelingt mit der Hilfe von Monsieur Radio alias Pierre Richard, dem Altmeister des französischen Humors.

chexx Erklären Sie uns Ihre Filmfigur, den mysteriösen Monsieur Radio.

Pierre Richard Zunächst sieht man ihn als einen müden alten Mann, der sich vom Leben losgesagt hat. Doch dann hört er eines Tages die Stimme einer jungen Frau im Radio, die eines seiner alten Lieder singt; ein Lied, das er einst für die Frau geschrieben hatte, die er liebte. Dass sie ihn verließ, war der Grund dafür, dass er sich völlig abgeschottet hat. Aber plötzlich bricht wieder die Lebensfreude aus ihm hervor, er wird durch dieses Lied regelrecht wiedergeboren. Er macht sich auf, das Mädchen zu finden und das kleine Musiktheater mit seinem Talent und seinen Kompositionen zu retten. Mich hat diese Persönlichkeit sehr bewegt, gerade wie er von neuem entflammt. Sein Herz war eben doch noch nicht ganz erloschen, und seine Leidenschaft für die Musik war immer da und hat nur auf die Gelegenheit gewartet, wieder zum Leben zu erwachen. Und wieder ist eine Frau der Auslöser für den Wandel. Seine Figur hat für mich etwas ungemein Poetisches.

chexx Sehen Sie Monsieur Radio als ein Art Echo von Monsieur Mathieu: ein gescheiterter Musiker, der dank der Kunst zu neuem Leben erwacht?

Pierre Richard Auf jeden Fall. Wie bei Gérards Rolle in Die Kinder des Monsieur Mathieu verdankt Monsieur Radio seinen neuen Elan und sein neues Leben der Musik. Ich liebe ganz besonders die Szene, in der er nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder sein Haus verlässt, es zunächst gar nicht wagt, über die Türschwelle zu treten, zögert, sich schließlich doch zusammenreißt und auf die Straße hinaus stakst.

chexx Hat es Ihnen besondere Freude bereitet, ein Orchester zu dirigieren?

Pierre Richard Und wie! Das war einfach ein Traum! Es hat mir irren Spaß bereitet. In einer Szene, in der ich dirigiere, während Nora singt, hatten wir 400 Statisten im Theater, die applaudierten. Ich wusste natürlich, dass sie dafür bezahlt wurden, und dennoch kam mir ihr Applaus vollkommen aufrichtig vor. Da habe ich einen absoluten Glücksmoment erlebt - für mich war die Illusion perfekt! Beim Lesen des Drehbuchs dachte ich noch, das wäre eine simple Sache. Aber ich hatte völlig den Aufwand unterschätzt, den die Rolle mit sich brachte. Mir war es extrem wichtig, dass die Gesten beim Dirigieren und die Haltung absolut stimmten. Deshalb habe ich vor den Dreharbeiten mit einem echten Dirigenten gearbeitet. Und der Unterricht fing mit der Theorie an, mit dem Lesen der Partitur. Das war sehr kompliziert. Mir als Nichtmusiker war schnell klar, dass ich es niemals hinbekommen würde, die Takte zu zählen. Aber ich habe immerhin ein gutes Gespür für Musik, und ich habe mir Aufnahmen der Stücke kommen lassen und alles auswendig gelernt.

chexx Was war Ihr Eindruck, als Sie in Prag am Filmset eintrafen?

Pierre Richard So etwas hatte ich noch nie gesehen - das Paris der damaligen Zeit mitten auf einem tschechischen Feld aufgebaut! Ich kam im Auto an und sah die Häuser von weitem. Ich fragte, welche Stadt das sei, und die Antwort war: Unsere Stadt! An den Rückseiten sah man natürlich, dass alles aus Sperrholz gebaut war, aber wenn man erst einmal richtig drin stand, gab es richtig gepflasterte Straßen, und nicht nur das, es wuchs auch Unkraut zwischen den Steinen. Die Wand von meinem Haus war von echtem Efeu überwuchert, der ständig weiter wuchs, und im Hof stand ein großer Baum, der gerade Knospen trieb... Meine erste Szene war im Chansonia. Und das war nicht nur eine Kulisse, sondern ein richtiges Theater, bis ins letzte Detail nachgebildet. Alles mit echt ausgeblichenem Samt ausgekleidet und mit üppigen Vorhängen wie in den Music-Halls der 50er, wo ich hinging, um Maurice Chevalier zu sehen.

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