
chexx Wie bist Du zum Boxsport gekommen?
Wilhelm Gratschow 1992 bin ich mit meinem Bruder zum Training mitgegangen und konnte mich dort zum ersten Mal für den Boxsport begeistern.
chexx Du boxt für den BC Gifhorn. Wie oft stehst Du im Boxring und trainierst?
Wilhelm Gratschow Ich absolviere von Montag bis Freitag acht Trainingseinheiten. Dazu kommen noch Krankengymnastik und physiologische Behandlungen, die auch sehr viel Zeit beanspruchen. Im Jahr komme ich auf 25 offizielle Boxkämpfe. Nach den Olympischen Spielen wurde die Kampfzeit von 4x2 Minuten auf 3x3 Minuten umgestellt.
chexx Hattest Du schon mal schlimme Verletzungen?
Wilhelm Gratschow Ich habe noch keine Verletzungen aus einem Kampf davongetragen, bis auf zwei Mal Nasenbluten. Andere Verletzungen sind durch die hohe Belastung im Training entstanden, z. B. durch eine Schleimbeutelentzündung im Knie. Da konnte ich ein halbes Jahr nicht laufen und wurde operiert. Meine Kondition verschlechterte sich und ich wurde aus dem Kader geschmissen.
chexx Du bist vierfacher deutscher Meister und hast Dir beim europäischen Qualifikationsturnier in Pescara Deinen Startplatz für Olympia gesichert. Wie lange hattest Du Zeit, Dich auf die Olympischen Spiele in Peking vorzubereiten?
Wilhelm Gratschow Das Qualifikations-Turnier war im März 2008. Danach fing für mich sofort die Vorbereitungsphase für Olympia an.
chexx Seit 1928 sind deutsche Boxer immer mit einer Medaille von Olympischen Spielen nach Hause gekommen. Ist der Druck, der auf einem lastet, nicht unglaublich groß, vor allem weil nur vier deutsche Boxer dabei waren?
Wilhelm Gratschow Man muss versuchen den Druck so weit wie möglich von sich fern zu halten und sich auf das zu konzentrieren, was man vor sich hat. Sowohl im Kampf als auch danach. Nach dem Kampf ist vor dem Kampf!!
chexx Warst Du bei der olympischen
Eröffnungsfeier im Vogelnest
dabei? Welche Eindrücke
sind hängen geblieben?
Wilhelm Gratschow Als wir im Tunnelbereich auf
unseren Einmarsch gewartet haben und das komplette deutsche
Olympia-Team Wir woll´n die Fahne sehen
gesungen hat,
das war schon ein Gänsehaut-Erlebnis.
chexx Du bist bereits in der ersten Runde mit 5:14 gegen den Tunesier Alaa Shili ausgeschieden. Hast Du den Kampf an einigen Stellen als ebenso ungerecht bewertet empfunden wie viele Zuschauer?
Wilhelm Gratschow Im Kampfgeschehen sagte mir
der Trainer nach der zweiten Runde, dass ich hinten liege. Ich habe
mich nur auf den Kampf konzentriert und versucht noch besser zu
boxen. Nachdem ich jetzt die Aufnahmen gesehen habe, muss ich
sagen, dass ich noch einiges verbessern könnte, um den Kampf beim
nächsten Mal klar für mich zu entscheiden. 
chexx Wie enttäuscht warst Du direkt nach dem Kampf?
Wilhelm Gratschow SEHR. Die Enttäuschung war sehr groß. Das kann man nicht in Worte fassen. Ich muss immer noch an die harte Vorbereitungszeit denken. Da hatte ich mir natürlich viel mehr erhofft.
chexx Neben Dir sind auch die anderen drei deutschen Boxer Konstantin Buga, Jack Culcay-Keth und Rustam Rahimow in der ersten Runde ausgeschieden. Steckt der deutsche Boxsport in einer Krise?
Wilhelm Gratschow Es ist heutzutage sehr schwer junge Leute für den Leistungssport Boxen zu begeistern, da immer eine Doppelbelastung aus Sport, Schule oder Arbeit entsteht. Damit kommen viele nicht klar. Und alleine durch das Boxen kann man sich leider keinen Lebensstandard aufbauen.
chexx Werden deutsche Boxer im weltweiten Vergleich nicht hart genug trainiert?
Wilhelm Gratschow Vielleicht liegt es nicht an der Härte des Trainings, sondern an der Einstellung der Sportler. Es könnte allerdings auch an den Trainingsmethoden liegen: Nach dem Qualifikations-Turnier in Pescara wurde ich von meinem Trainingsteam in Gifhorn getrennt und musste mit anderen Trainern trainieren und klarkommen.
chexx Was war für Dich das Beeindruckendste an den Olympischen Spielen in Peking?
Wilhelm Gratschow Die Eröffnungsfeier war schon beeindruckend. Das olympische Dorf war riesig und alle deutschen Sportler waren gut drauf. Man hat so viele Sportler kennen gelernt und neue Freundschaften geschlossen.
chexx Olympia stand stark unter dem Einfluss des Tibet-Konfliktes, der Wirkung Chinas nach außen und auch der Kommerz hat dieses Mal alle Rahmen gesprengt. Ging es in erster Linie wirklich noch um ehrliche sportliche Leistungen?
Wilhelm Gratschow Natürlich ging es für die Sportler und die Fans um die sportlichen Leistungen.
chexx Wie hast Du persönlich Land und Leute wahrgenommen?
Wilhelm Gratschow Die Leute waren echt super drauf, nett und hilfsbereit. Die Jugendlichen konnten einiges an Englisch, so dass man sich immer verständigen konnte. China bietet natürlich auch eine Menge Kultur, die man auf jeden Fall besichtigen muss, wenn man da ist. Auch ich habe die Gelegenheit ergriffen und mir Land und Leute angeschaut.
chexx Während der gesamten Olympischen Spiele kam es immer wieder zu Doping-Fällen. Denkst Du, es sollte härtere internationale Strafen für Doping-Sünder geben?
Wilhelm Gratschow Man sollte in erster Linie alle Doping-Kontrollen auf ein Niveau bringen. In Deutschland beispielsweise sind die Kontrollen sehr stark, wohingegen in anderen Ländern nicht so oft kontrolliert wird.
chexx Wie viel Angst hat man, ein Medikament z. B. bei einer Erkältung einzunehmen, worin sich möglicherweise eine Dopingsubstanz befindet?
Wilhelm Gratschow Man nimmt Medikamente immer mit Bedenken ein. Aber es existieren auch Doping-Listen, auf denen alle erlaubten sowie verbotenen Substanzen aufgelistet sind.
chexx Worauf hast Du Dich nach drei Wochen Peking am meisten gefreut?
Wilhelm Gratschow Auf meine Freundin, meine Familie und die vielen Freunde. Ich wurde mit einer super Willkommens-Party überrascht.
chexx Hast Du die Enttäuschung über eine verpasste Medaille inzwischen besiegt?
Wilhelm Gratschow Die Wunden verheilen langsam!
chexx Möchtest Du bei Olympia 2012 in London wieder dabei sein?
Wilhelm Gratschow Die Abschlussfeier in Peking hat natürlich Lust auf mehr gemacht. Ich werde erst einmal sehen, wie es in den nächsten zwei Jahren läuft. Wenn ich diese Zeit verletzungsfrei überstehe, werde ich auf jeden Fall am nächsten Qualifikations-Turnier teilnehmen.
Foto: Reinhard Matzick





















