Exlusiv Interview
Jürgen Sprenzinger: Weshalb benötigt man zum Verkaufen von Kellogg’s Cornflakes ein naturwissenschaftliches Studium?
Von Diana Sonnenberg | 22. September 2008    Drucken eMail
Der in Augsburg geborene Jürgen Sprenzinger begann schon als Kind zu dichten. Seit seinem Bestseller Sehr geehrter Herr Maggi ist er bekannt für seinen Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Nach eigener Aussage war er schon immer ein Querdenker - und der muss man wohl auch sein, wenn man auf die Idee kommt, großen Firmen eine Absage auf unverlangte Stellenanzeigen zu schreiben, wie er es in seinem neuesten Werk Sehr geehrter Herr Hornbach höchst eindrucksvoll tut. Mit Diana Sonnenberg hat er für chexx über seine Liebe zur Literatur und die unendlichen Weiten seines Querdenker-Gehirnes gesprochen.

chexx Sie haben schon als Kind gedichtet. Können Sie uns eine Kostprobe davon geben?

Jürgen Sprenzinger Lieber nicht ...

chexx Woher kommt Ihre Liebe zur Literatur? Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Jürgen Sprenzinger Wilhelm Busch war Schuld. Ich las seinen Gedichtband Poesie des Herzens und da war ich fällig...

chexx In Ihrem aktuellen Buch Sehr geehrter Herr Hornbach erteilen Sie Firmen bissige Absagen auf unverlangte Stellenanzeigen. Der Einfall ist mutig und grandios zugleich. Wie kam Ihnen diese Idee?

Jürgen Sprenzinger Wie bereits im Vorwort des Buches erwähnt: Schuld daran war eine Frau. Eine Bekannte aus Fürstenfeldbruck erzählte mir, sie hätte 200 Bewerbungen auf 200 Stellenanzeigen geschrieben und 200 Absagen bekommen. Ich las diese Absagen und war über den teilweise rüden, teilweise arroganten Ton verärgert. Am anderen Morgen beim Rasieren kam mir dann die Idee: Ich drehe den Spieß einfach mal um. Ob die Idee grandios ist, kann und will ich nicht beurteilen – ich war schon immer ein Querdenker. Was den mutigen Einfall betrifft: Seit meinem ersten Buch Sehr geehrter Herr Maggi bin ich dafür bekannt, die Dinge beim Namen zu nennen und das Treiben der Menschen auch nicht immer ernst zu nehmen. Es wird übrigens im März 2009 ein Buch mit dem Titel Der weinende Clown geben – ein gesellschaftskritischer und auch autobiografischer Roman, der weit wesentlich mehr Mut erfordert als alles bisher da Gewesene. Ich darf an dieser Stelle Udo Lindenberg zitieren, der einmal sagte: Alte Männer sind gefährlich, denn sie brauchen keine Angst mehr vor der Zukunft zu haben. Und ich denke, ich habe relativ wenig Angst vor ihr...

chexx Hatten Sie ein bestimmtes Kriterium, nachdem Sie die Stellenanzeigen der Firmen ausgewählt haben? Firma, Anzeigentext, Slogans oder Fotos?

Jürgen Sprenzinger Ich habe mir überwiegend Stellenanzeigen ausgesucht, die mir durch ihre Titelzeilen ins Auge gesprungen oder mir durch ihre überzogenen Anforderungen aufgefallen sind, bei denen selbst ein Intellektueller Komplexe bekommen könnte. So frage ich Sie: Weshalb benötigt man zum Verkaufen von Kellogg’s Cornflakes ein naturwissenschaftliches Studium?? Überhaupt frage ich mich: Warum wird heute für jeden Mist ein abgeschlossenes Hochschulstudium verlangt? Glaubt die Industrie denn wirklich, dass nur Studierte ein Gehirn im Kopf haben? Ich denke, ein gesunder Pragmatismus wäre da oft wesentlich besser...

chexx Wo kamen Ihnen die besten Ideen für die Absagen?

Jürgen Sprenzinger Ganz verschieden. Beim Zeitungslesen, beim Autofahren – mein Gehirn ist immer am Laufen (auch ohne Hochschulstudium).

chexx Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Jürgen Sprenzinger Etwa sechs bis acht Monate. Ich schreibe meine Bücher immer sehr schnell, wenn ich einmal die Idee und das Konzept im Kopf habe. Alles andere ist dann nur noch Handwerk. Zudem habe ich acht Jahre als Journalist gearbeitet, vier Jahre davon als Chefredakteur und da lernt man, schnell zu schreiben und sich klar auszudrücken.

chexx Haben Sie selbst schon einmal die Überheblichkeit von Firmen zu spüren bekommen und eine unterkühlte Absage erhalten?

Jürgen Sprenzinger Klar. Habe sie aber nicht tragisch genommen.

chexx Einige Personalchefs beweisen Humor und haben auf Ihre Schreiben reagiert. Gibt es eine Antwort, die Sie enttäuscht oder überrascht hat, im positiven wie im negativen Sinn?

Jürgen Sprenzinger Ich war sehr überrascht über die Antwort der Firma Security aus Augsburg/Mühlhausen, aber auch über die Antwort von Albrecht Hornbach – beide sind ziemlich pfiffig und beweisen Humor – vielleicht ist das der Grund, weshalb beide Unternehmen überdurchschnittlichen Erfolg haben – frei nach dem Grundsatz: Wer was schaffen will, muss fröhlich sein...

chexx Die Mehrzahl der Unternehmen ignorierte Ihre Schreiben. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Jürgen Sprenzinger Vielleicht ist der Zeitdruck Schuld, vielleicht ist es eine gewisse Hilflosigkeit, mit einer Sache umzugehen, die total ungewöhnlich daher kommt. Vielleicht ist es aber auch nur schlichtweg Faulheit, Desinteresse – oder die Ansicht: Schon wieder so ein Spinner...

chexx Sind Sie sehr enttäuscht darüber, dass Ihnen nicht alle Firmen geantwortet haben?

Jürgen Sprenzinger Nein. Warum sollte ich? Ich beantworte ja auch nicht jeden Brief. Das ist jedem freigestellt und wenn ich wegen jedem Brief, den ich bisher geschrieben habe – und ich versichere Ihnen, es waren bislang sehr viele – über die fehlende Antwort enttäuscht gewesen wäre, dann müsste ich heute depressiv oder ein seelischer Krüppel sein. Davon bin ich weit entfernt.

chexx Von welcher Firma hatten Sie sich am ehesten ein phantasievolles Antwortschreiben erhofft und wie hätte das aussehen können?

Jürgen Sprenzinger Wenn ich ein Buch dieser Art mache – und es ist ja bei Gott nicht das erste – dann habe ich überhaupt keine Erwartungen. Ich erhoffe nichts, da ich nicht aus finanziellen Gründen schreibe, auch wenn mir das schon mal unterstellt wurde. Ich will einfach nur den Leuten die Augen öffnen und aufzeigen, von welchem Schwachsinn wir heute in unserer so genannten modernen Konsumgesellschaft oft umgeben sind. Ich will einen Spiegel vorhalten, die Dinge ad absurdum führen und vor allem aber eines: Die Menschen zum Lachen und zum Nachdenken anregen. Und das ist ganz sicher keine neue Idee, schon gar nicht von mir, denn es gab eine Menge berühmter Komiker bzw. Satiriker, die das sehr gut konnten – ich erinnere hier nur mal an den unvergessenen Ephraim Kishon. Hm – wie ein phantasievolles Antwortschreiben aussehen könnte? Schwierige Frage, denn Phantasie ist ein relativer Begriff – der eine hat sie, der andere nicht. Ich fand diese Schreiben gut, die auf meine Briefe eingegangen sind.

chexx Gab es dürftige Antwortschreiben, die Sie nicht in Ihr Buch aufgenommen haben?

Jürgen Sprenzinger Klar gab es die.

chexx Hatten Sie nie Bedenken, es mit großen Firmen wie zum Beispiel Haribo oder Coca-Cola aufzunehmen? Immerhin sind Ihre Briefe oft ein unangenehmer Spiegel, den Sie den Unternehmen vorhalten.

Jürgen Sprenzinger Nein, hatte ich ehrlich gesagt nie. Bei keinem einzigen meiner Bücher. Ich sage Ihnen auch weshalb: Schreibt man solche Briefe, wie ich es gerne mache, dann gibt es ein paar Grundregeln, die man durchaus auch im täglichen Leben beherzigen sollte, als da sind: Verletze nie jemanden ernsthaft, beleidige niemanden, gib jedem die Gelegenheit, sein Gesicht zu wahren, packe das Ganze in Humor und bleib über der Gürtellinie. Und im Übrigen: Man kann einem Menschen alles sagen – es kommt nur auf den Ton an: Ich nehme an, wenn Ihr Mann zu Ihnen sagen würde: Blöde Kuh, was hast du denn heute wieder für einen Mist gekocht??, dann wären Sie stocksauer und es wäre der beste Anlass für einen handfesten Ehekrach. Würde er Ihnen aber sagen: Liebling – die Suppe gestern war viel besser, dann wüssten Sie auch Bescheid und alles wäre Eiapopeia.

chexx Haben Sie einen bestimmten Leser oder Lesertypus im Kopf, den Sie ansprechen wollen?

Jürgen Sprenzinger Eigentlich nicht. Meine Bücher – und das haben die letzten zehn Jahre bewiesen – wurden von allen Altersstufen und durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch gelesen und ich sage das nicht ganz ohne Stolz. Zwischenzeitlich lachen sogar die Kinder der Mütter darüber, die vor gut zwölf Jahren mit dem Sehr geehrten Herrn Maggi ins Bett gingen...

chexx Wollen Sie die Leser in erster Linie unterhalten, oder auch etwas bewegen?

Jürgen Sprenzinger Wissen Sie: Ich war schon als Kind ein Clown. Der Humor ist mir in die Wiege gelegt und in erster Linie will ich die Leute zum Lachen bringen, indem ich die Dinge einfach umdrehe oder den Sinn eines Satzes/Wortes zerpflücke. Ich hatte da einen großen Lehrmeister: mein großes Vorbild Karl Valentin. Ich bedauere nur, dass er schon tot war, als ich geboren wurde. Und ich wäre ein schlechter Clown, würde ich die Menschen nicht auch zum Nachdenken anregen. Sicher würde ich auch gerne etwas bewegen, ob es mir jemals gelingt in diesem Leben, steht in den Sternen. Doch würde man mich fragen, was, dann würde ich antworten: Leute - mehr Eigenverantwortlichkeit, mehr Hilfsbereitschaft, weniger Raffgier, Geiz und Neid. Geht wieder mehr aufeinander zu, denn das Leben ist begrenzt und mitnehmen kann keiner etwas – und last but not least: Wir leben nur einmal, also genießt jeden Tag.

chexx Wird es ein weiteres Buch zum Thema Absagen auf unverlangte Stellenangebote geben?

Jürgen Sprenzinger Nein, ganz sicher nicht. Das wäre ja dann so wie der Weiße Hai II – oder Rocky V – also ein Aufguss. Muss und will ich nicht machen, denn die Ideen gehen mir so schnell garantiert nicht aus und fast jede Woche fällt mir was Neues ein. Man muss nur mit offenen Augen durchs Leben gehen.

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