Interview
Anthony Hopkins: Es gibt wohl Menschen, die mit ihrer Sterblichkeit flirten
Von Redaktion | 04. Oktober 2006    Drucken eMail
Seit mehr als drei Dekaden arbeitet Sir Anthony Hopkins als Schauspieler und sein filmisches Werk umfasst mehr als 90 Kino- und TV-Filme. Für seine Darstellung des Serienmörders Hannibal Lecter in Jonathan Demmes Thriller Das Schweigen der Lämmer wurde er 1991 mit dem Oscar als Bester Darsteller ausgezeichnet. Noch dreimal wurde er für den Oscar nominiert: für Was vom Tage übrig blieb, Nixon und Amistad.

chexx Wie sind Sie mit dem Projekt Mit Herz und Hand in Berührung gekommen?

Anthony Hopkins Ich hatte vor mehr als 20 Jahren mit Roger Donaldson in Tahiti und Neuseeland bei Die Bounty gearbeitet. Danach verstrichen die Jahre und wir sahen uns lange nicht wieder. Irgendwie verspürte ich Lust, ihn anzurufen, um herauszufinden, wie es ihm ginge. Als ich ihn am Telefon hatte, schien er nicht im Mindestens über meinen Anruf überrascht zu sein. Er fragte einfach: Tony, hast du meine Nachricht gehört? Ich erwiderte: Nein. Daraufhin erzählte er mir, dass er gerade eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter gesprochen hatte. Um was geht's?, fragte ich. Ich habe ein Drehbuch für dich. Rufst du etwa nicht an, weil du meinen Anruf beantworten willst? Ich verneinte und erklärte, dass ich meine Nachrichten an diesem Morgen noch gar nicht abgehört hatte. Er sagte: Na, gut, dann ist das hier ein toller Zufall und in jedem Fall günstig. Denn ich habe hier ein Drehbuch mit dem Titel Mit Herz und Hand. Es ist eine wunderbare Geschichte. Würde dich interessieren, einen Typ zu spielen, der Motorradrennen fährt? Einen Motorradrennfahrer?

chexx Wie war es, wieder mit Regisseur Roger Donaldson zusammen zu arbeiten?

Anthony Hopkins Bei den Dreharbeiten zu Die Bounty hatten wir mitunter schon mal Reibereien. Roger hat seine eigene Art, mit Leuten umzugehen. Er ist Neuseeländer und ich bin Engländer. Er war anders als die Regisseure, die ich bis dahin kennen gelernt hatte, ich war jünger und arrogant. Wie das so ist. Ich hatte keine Geduld mit Menschen damals, vor allem nicht mit Regisseuren. Wenn sie zu viele Wiederholungen forderten, begann ich, unbequeme Fragen zu stellen. Und Roger hat jede Menge Wiederholungen machen lassen, er ist ein Perfektionist. Seitdem sind 20 Jahre verstrichen, und ich bin nicht nur toleranter geworden, sondern respektiere auch, was er tut - was Regisseure tun. Schließlich tut er alles, weil er einen Grund dafür hat. Ich weiß, dass er einen guten Film machen will und mir ist es egal, ob man für eine Szene 50 Wiederholungen drehen muss. Natürlich hoffe ich immer, dass es dazu nicht kommt, einfach, weil es viel Zeit ist. Aber ich respektiere ihn als Regisseur und mag ihn als Mensch, er ist ein richtig guter Typ. Es ist großartig, mit Roger Donaldson als Regisseur zusammenzuarbeiten. Er gehört zu den besten Regisseuren, mit denen ich gearbeitet habe. Ich habe mit Steven Spielberg und Oliver Stone gearbeitet und er gehört in diesen Kreis. Er ist - Filme wie No Way Out - Es gibt kein Zurück und Thirteen Days zeigen es - ein wunderbarer Regisseur.

chexx Fühlen Sie eine seelische Nähe zu Burt Munro?

Anthony Hopkins Ich bin kein Geschwindigkeitsfreak wie Burt Munro. In dem Dokumentarfilm, den Roger Donaldson über ihn gemacht hat, sieht man deutlich, dass Burt die Geschwindigkeit liebte. Ich weiß nicht, ob er besessen von ihr war, aber er liebte den Nervenkitzel bei hoher Geschwindigkeit. Er hat einmal gesagt, dass man in fünf Minuten auf einem Motorrad, das Höchstgeschwindigkeit fährt, mehr lebt als im ganzen Leben. Das war für mich die Herausforderung. Ich nehme an, dass es wohl Menschen gibt, die mit ihrer Sterblichkeit flirten. Aber genau darum geht es: Die Überwindung von Angst erfordert wohl den größten Mut. Burt Munro war einer dieser Typen, die sich damit auskannten. Seine Lebensphilosophie bestand darin, aus dem Vollen zu leben. Wenn du tot bist, bist du das für lange Zeit, sagte er und Wenn du erst mal tot bist, kommst du nicht wieder. Persönlich bin ich kein Typ für den Geschwindigkeitsrausch. Ich bin ein vorsichtiger Fahrer, ich mag Tempo nicht besonders. Früher war das anders. Aber heute ist mir mein Leben wichtiger.

chexx Wie haben Sie sich der Rolle genähert?

Anthony Hopkins Ich bin langsam in die Rolle hinein geschmolzen. Zunächst habe ich mir einen neuseeländischen Akzent angeeignet. Auch hier war die Zusammenarbeit mit Roger sehr angenehm. Er setzte mich damit nämlich nicht unter Druck, sondern sagte: Hör mal, da unten in Neuseeland kritisieren sie vielleicht deinen Akzent, aber im Rest der Welt kommst du damit durch. Außerdem ist das wirklich nicht so wichtig, mach es einfach so, wie du es für richtig hältst. Du bist Burt Munro. Natürlich hat er aber trotzdem ein Ohr dafür gehabt und mir Ratschläge gegeben: Sprich die Vokale flacher aus und pass auf dein R auf. Wenn ich Burt Munro in Dokumentarfilmen sprechen hörte, sprach er für mich wie jemand aus Cornwall, aus Irland oder Devon. Er hatte wunderbar runde Rs in seiner Aussprache. Eben wie jemand aus Cornwall.

chexx Hatten Sie Einfluss auf das Drehbuch?

Anthony Hopkins Es ist ein gutes Drehbuch. Roger hat es geschrieben, und ich habe Kleinigkeiten hier und da hinzugefügt. Nichts war in Stein gemeißelt. Aber es war ein gutes Buch und man musste nicht die Struktur ändern oder hat sich über bestimmte Zeilen auseinandergesetzt. Manchmal habe ich bestimmte Dialogsätze geändert, weil sie mir beispielsweise auf Neuseeländisch nicht locker über die Lippen kamen.

chexx Wie würden Sie Roger Donaldsons Regiestil beschreiben?

Anthony Hopkins Es ist gut, wenn ein Regisseur Gelassenheit ausströmt. Es hilft keinem, herumzukreischen und zu schreien - ganz gleich, ob es sich um einen Schauspieler oder einen Regisseur handelt. Ich gebe zu, dass ich das früher getan habe. Gereiztheit sollte man immer außen vor lassen, anstatt sie öffentlich auszuleben. Manche Regisseure sind sehr lautstark und lärmend, sie schreien und kreischen und kein Mensch kann dabei arbeiten. Aber mit diesem Team gab es so etwas nicht. Es gehört zu den bestens Teams, mit denen ich über die Jahre hin gearbeitet habe. Jeder hat seinen Job gemacht, seinen Text gelernt, während die Beleuchter das Licht eingerichtet und die Tonleute ihren Kram vorbereitet haben, die Requisiteure und Kostümleute ... jeder hat ohne viel Aufhebens seine Arbeit gemacht. Es ist schließlich ein Job und ich habe gelernt, Respekt vor der Arbeit anderer zu haben. Vielleicht war auch Burts Geist um uns. Er war ein anständiger, lustiger Mann und ich mochte seinen wundervollen Sinn für Humor. Ich finde manche seiner Aussprüche einfach großartig. Er schätzte beispielsweise Frauen und hat Sachen gesagt wie: Ein paar nette Ladys bringen die Party schon in Schwung. Ich liebe diesen Typen Burt, er war eine große, großartige Persönlichkeit und ein großzügiger Mann.

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