
Männer. Seit 1986 lockte die charmante Komödie mit Heiner Lauterbach, Uwe Ochsenknecht und Ulrike Kriener mehr als sechs Millionen Besucher in Deutschland in die Kinos und lief fast auf der ganzen Welt. Nun kommt ihr neuer Film
Glückin die Kinos.
CHEXX Was hat Sie an der Geschichte besonders berührt?
Doris Dörrie Mich hat berührt, dass es eigentlich kein großer Kriminalfall ist, sondern eine große Liebesgeschichte. Diese Liebesgeschichte beschreibt Ferdinand von Schirach nicht. Er beschreibt das Verbrechen, das am Ende gar kein großes Verbrechen ist. Da war sehr viel Luft für mich, diese Geschichte zwischen den beiden zu beschreiben.
CHEXX Eine Geschichte über zwei Außenseiter.
Doris Dörrie Es hat mich interessiert, dass beide Charaktere sind, über die man sonst nicht viel hört und von denen man nicht viel spricht. Das sind diese Leute, an denen man ständig vorbeikommt in Berlin, die aber nicht wirklich vorkommen. Das sind zwei Gescheiterte, Übriggebliebene am Straßenrand. Keiner kümmert sich um sie.
CHEXX Was ist Ihres Erachtens das Außergewöhnliche an Irina
und Kalle
?
Doris Dörrie Was mich bei beiden erschüttert, ist, dass sie Strandgut in Berlin sind - wo viele Strandgut sind. Und dieses riesige Schicksal, das dahinter steht, ja wirklich nur sichtbar wird, wenn man sich mit den beiden beschäftigt und genauer hinguckt und genauer fragt. Und das machen wir in der Regel ja nicht, sondern wir gehen nur vorbei und fragen nicht groß nach.
CHEXX ... Verlierer mit sehr unterschiedlichen Biographien ...
Doris Dörrie Irinas Schicksal ist durch die Kriegsgeschehnisse in ihrem Land gewaltig. Aber Vinzenz’ Schicksal ist nicht weniger berührend, finde ich. Weil er ein Opfer der Wohlstandsgesellschaft ist, wo alles ja ganz anders hätte kommen können. Aber da hat keiner aufgepasst und keiner sich gekümmert, und da bleibt so ein Junge auf der Strecke und aus dem wird auch nichts mehr. Und dass der dann so jemanden findet wie Irina, das ist ja schon ein großes Glück. Und dass die beiden zueinander finden, das ist ein sehr großes Glück. Und dass er das auch so begreift und bereit ist, für dieses Glück alles zu riskieren, das finde ich das Besondere an der Geschichte.
CHEXX Letztendlich ist es ja die Frage: Wie weit gehen die beiden für die Liebe?
Doris Dörrie Andersrum ist es ja so, dass wir sehr viel schneller fragen: Ach, das habe ich investiert in diese Beziehung und was bekomme ich raus? Und lohnt sich das für mich? Dieses doch sehr kapitalistische Abtasten. Das wird hier gar nicht gefragt. Sondern es ist ganz klar: Irina ist sein Leben, und dafür ist er auch bereit, alles aufs Spiel zu setzen. Es wird bei uns aber auch sehr deutlich spürbar, dass Kalle auch für sie ihr Leben ist. Also, die beiden finden miteinander ein neues Leben und das wollen sie auch auf jeden Fall verteidigen und auf keinen Fall verlieren.
CHEXX Wie behutsam gehen Sie als Regisseurin an die Inszenierung dieses Themas?
Doris Dörrie Es passiert gar nicht so viel Schreckliches in dem Film. Es passiert auch sehr viel Schönes: Sie verlieben sich, ziehen in eine Wohnung, essen zusammen - also sie genießen die ganz einfachen Dinge viel mehr als wir vielleicht, weil sie so kostbar sind für die beiden. Für mich geht es darum, dass man eine Echtheit anstrebt und man sich nur auf seine Augen und Ohren verlassen kann. Ob es sich richtig anfühlt und ob das eine Wahrheit hat, das ist mein Job als Regisseurin: Ich bin der Wahrheits-Checker.
CHEXX Was ist Ihre Zielsetzung als Filmemacherin?
Doris Dörrie Die Tür immer weiter auf zu machen. Normalerweise, je älter man wird und je mehr man weiß, desto mehr kann man antizipieren. Desto mehr ist man natürlich auch versucht, zu sagen: Ach, ich weiß schon wie das läuft, das wird sowieso nichts, und die Leute sind unfreundlich und Berlin ist scheiße, das Wetter ist sowieso schlecht. Dagegen anzugehen und das Gegenteil zu versuchen, sich immer weiter zu öffnen und immer durchlässiger zu werden, das ist der Hauptjob, den man hat.
CHEXX Hat sich Ferdinand von Schirach, Autor der Kurzgeschichte Glück
, in die Filmarbeiten eingebracht?
Doris Dörrie Das ist für einen Autoren immer sehr ambivalent, wenn die eigenen Geschichten verfilmt werden. Schreiben ist wie Filme machen, man hat seinen idealen Film im Kopf und dann kommt jemand und besetzt schon die Hauptfiguren ganz anders als man sich die vorgestellt hat. Man muss wissen, dass es auf jeden Fall einen anderen Film gibt als den eigenen.
CHEXX Wie verlief der Besuch Ferdinand von Schirachs am Set?
Doris Dörrie Ferdinand von Schirachs Besuch am Set war für mich sehr interessant: Ich musste ihm erklären, wer dieser Kalle
ist. Weil ich mich sehr viel mehr mit dieser Figur beschäftigt habe als er. Bei ihm ist es natürlich auch eine Plotgeschichte und er musste sich nicht überlegen: Was hat der für ein T-Shirt an? Was trägt der für Schuhe? Raucht der, was hat der für `ne Frisur, ist der tätowiert, trägt der Piercings? Durch diese Filmarbeit hat man plötzlich so einen Informationsüberhang im Verhältnis zum Romanautor. Das weiß ich selbst, weil ich sehr viel Prosa und Romane schreibe. Vieles lässt man im Nebel.
