Oliver Berben, geboren 1971 in München, studierte zunächst an der Technischen Universität Berlin, bevor er in die Filmbranche wechselte. Als Produzent
realisierte Oliver Berben über 70 Fernseh- und Kinofilme.
CHEXX Warum haben Sie sich gerade für Der Gott des Gemetzels
entschieden?
Oliver Berben Zunächst mal hat sich der Der Gott des Gemetzels
für uns entschieden. Das Projekt ist über Saïd Ben Saïd, unseren französischen Produktionspartner, zu uns gekommen. Ich war begeistert, dass sich Roman Polanski dieses Stückes annehmen wollte und vor allem, dass er nach so langer Zeit endlich mal wieder eine Komödie macht. Mal ganz abgesehen davon, dass es eine Ehre ist, mit einem Regisseur wie Polanski zu arbeiten und ein so starkes Stück zu verfilmen.
CHEXX Warum gehört dieser Stoff auf die große Leinwand? Vier Personen in einem Raum - klingt zunächst nicht sehr spektakulär.
Oliver Berben Wer das Theaterstück gesehen hat, der weiß, dass es nicht öde wird. Aber das allein ist natürlich noch kein Argument. Der wesentliche Punkt ist, dass man sich in diese Figuren hineinversetzen kann. Kino funktioniert nicht zwangsläufig über Action und große Bilder, sondern vor allem über Emotionen. Und das ist Yasmina Reza hier sogar noch besser gelungen als in ihrem anderen großen Erfolg Kunst
. Punkt 2: Diese Besetzung ist per se schon kinotauglich, weil man diesen vier Schauspielern ewig zusehen könnte. Der dritte Grund ist schlicht Roman Polanski, der genau weiß, was er will. Natürlich gehört das ins Kino!
CHEXX Welche besonderen Herausforderungen gab es beim Dreh eines Vier-Personen-Stücks an nur einem Schauplatz?
Oliver Berben Zum einen muss das Motiv genug zu bieten haben, dass es sich nicht erschöpft, sowohl beim Dreh als auch später auf der Leinwand. Wenn Sie sich den Film ein zweites Mal anschauen, achten Sie mal auf die Detailarbeit. Da steht eine komplette Wohnung mit allem, was man findet, wenn Menschen jahrelang darin leben. Sie müssen dem Team etwas hinstellen, das nicht zusammenfällt, wenn sie einmal an die Seite klopfen. Das sind erst einmal höchste Anforderungen an die Ausstattung - und natürlich an den Regisseur und den Kameramann: Wie schaffe ich es, das so zu inszenieren und visuell umzusetzen, dass es dem Zuschauer in 90 Minuten nicht langweilig wird? Denn der kann ja nirgendwo anders hingucken, es kommt ja nichts Neues. Hinzu kommt der psychologische Faktor. Das kann natürlich leicht zu einem gewissen Lagerkoller führen: Tagtäglich im selben Raum mit den gleichen Leuten… Das menschliche Miteinander ist bei einem Kammerspiel wie diesem enorm wichtig. Das kann schnell aus dem Ruder laufen, wenn der Regisseur dem Druck nicht gewachsen ist. Da kommt wieder Roman Polanski ins Spiel. Ein Meister seines Fachs eben.
CHEXX Was zeichnet Roman Polanski als Filmemacher aus? Wie war die Arbeit mit einer Legende?
Oliver Berben Ich könnte stundenlang darüber sprechen, was ihn auszeichnet. Vor allem vielleicht, dass er durch seine jahrzehntelange Erfahrung einen makellosen Film hinlegt. Es gibt nur wenige Regisseure, die so unterschiedliche Filme gemacht haben wie Roman Polanski. Er hat eine unglaubliche Bandbreite. Deshalb ist er so stilsicher. Polanski verschlingt seine Stoffe, er verleibt sie sich ein, sie werden ein Teil von ihm. Anders kann ich mir das nicht erklären. Am Set habe ich wie hypnotisiert da gesessen und beobachtet, wie er inszeniert. Er strahlt große Ruhe und Sicherheit aus.
CHEXX Die Schauspieler schwärmen von den ausgiebigen Proben, ein echter Luxus
. Knirscht man da als Produzent nicht leise mit den Zähnen? Zeit ist schließlich Geld.
Oliver Berben Nein, überhaupt nicht. Denn ein Film, der ausschließlich an einem Ort spielt, bringt viele Vorteile mit sich. Es gibt nicht noch zehn andere Darsteller und Schauplätze, die man terminlich kaum unter einen Hut bekommt. Proben sind ein zusätzliches Plus: Die Schauspieler können in ihre Rollen finden, sie lernen den Regisseur besser kennen und können sich ausprobieren. Wenn dann der eigentliche Dreh beginnt, läuft alles viel glatter. Noch dazu kann man chronologisch drehen. Die Schauspieler haben tatsächlich die Möglichkeit, den Film von A bis Z durchzuspielen und müssen nicht den Schluss zuerst drehen etc. Das ist wirklich die Ausnahme. So entwickelt sich die Gefühlslage, die sie vermitteln sollen, mit und muss nicht auf Knopfdruck von Schauspielern und Regie abgerufen werden. Das zahlt sich auf jeden Fall aus.
CHEXX Haben Sie einen persönlichen Favoriten oder eine Lieblingssszene in Der Gott des Gemetzels
?
Oliver Berben Was mich mit am meisten begeistert, sind die Kleinigkeiten. Ich habe den Film jetzt mehrfach gesehen, und jedes Mal entdecke ich neue Details. Zum Beispiel, wenn sich Kate Winslet und Christoph Waltz am Anfang aufs Sofa setzen und warten, dass ihre Gastgeber aus der Küche zurückkommen: Sie sieht einen Fussel auf seiner Schulter und streicht ihn weg. Gerade solche Kleinigkeiten zeichnen Polanski als Regisseur aus. Sehr gelungen finde ich auch die inhaltliche Klammer, in die er die eigentliche Handlung eingebettet hat: Am Anfang sehen wir, wie der Junge mit dem Stock zuschlägt. Und dann am Ende, nachdem sich ihre Eltern bis aufs Blut gestritten und durch die Wohnung gekotzt haben, haben sich die Kinder längst wieder vertragen. Ein wunderbarer Moment.
CHEXX Ihre Erinnerung an den ersten Polanski-Film, den Sie je gesehen haben? Wie haben Sie diesen Regisseur für sich entdeckt?
Oliver Berben Das kann ich nicht mehr genau sagen, wann es war. Aber ich weiß noch, wann ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Das war 1988 bei der Deutschland-Premiere von Frantic
. Ich war 17, und tanz der Vampire
war damals mein Lieblingsfilm. Der hat mich umgehauen. Im Kino saß ich eine Reihe vor ihm und habe nervös in meinem Sitz herumgezappelt, weil ich nicht wusste, wo ich hingucken sollte - auf die Leinwand oder zu Polanski.
CHEXX Was würden Sie jemandem entgegnen, der sich keinen Polanski-Film ansehen will, weil er den Regisseur für moralisch fragwürdig hält?
Oliver Berben Ich würde gar nichts entgegnen. Das ist eine persönliche Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. Das einzige, was ich dazu sagen würde, ist, dass er einen großartigen Film versäumt.
