Der 1925 in Paris geborene Michel Piccoli ist nicht nur in Frankreich, sondern weltweit ein Star. Er ist eine Ikone des Autorenfilms: von den surrealen Träumen
Buñuels bis zur Nouvelle Vague. Er drehte weit über 200 Filme, auch für das Fernsehen, und wurde unter der Regie großer europäischer Filmemacher international bekannt. Er arbeitete mit Jean Renoir, Luis Buñuel, Jean-Pierre Melville, Alfred Hitchcock, Jacques Demy, Jean-Luc Godard, Claude Sautet, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Louis Malles und spielte nicht nur an der Seite von Brigitte Bardot, sondern mit allen Diven der 1960er und 1970er Jahre: Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Romy Schneider, Anouk Aimée, Sophia Loren, Stéphane Audran und Ornella Muti. Sein Repertoire ist breit gefächert. Als süffisanter Lebemann, dekadenter Adeliger, Großgrundbesitzer, Erbe oder Provinzpolitiker beherrscht er bürgerliche Attitüden und ihre Pervertierungen ebenso wie die Züge des Verführers oder Gangsters.
CHEXX Während der Pressekonferenz in Cannes haben Sie gesagt, dass es wunderbar wäre, mit dem Film von Nanni Moretti Ihre Karriere zu beenden. Eine schöne Äußerung, aber alarmierend. Was haben Sie vor?
Michel Piccoli Keine Angst. Ich habe vor, mit der Schauspielerei weiterzumachen, bis ich 100 Jahre alt bin. Ich verdanke dem italienischen Kino viel. Angefangen mit Marco Ferreri. Er war mein Meister. Wenige Worte, keine Diskussionen und eine immense Freiheit. Dann Bellocchio, Corbucci, Scola. Mit Moretti nach Italien zurückzukehren war für mich, wie an alte Zeiten anzuknüpfen. Es würde mir gefallen, auch in seinem nächsten Film zu spielen.
CHEXX Stimmt es, dass Nanni Moretti darauf bestanden hat, zunächst mit Ihnen zu proben?
Michel Piccoli Ja, er kam mit dem Papstkostüm über dem Arm nach Paris und hat mich vorspielen lassen. Ich hatte gleich zugesagt. Moretti nicht. Das ist mir seit Jahrzehnten nicht passiert. Aber ich habe mich amüsiert und mich viel jünger gefühlt. Das hat mir gefallen.
CHEXX Wir haben Sie in allen möglichen Rollen gesehen, aber als Papst noch nie. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? Hatten Sie Material oder haben Sie Liturgien gelesen?
Michel Piccoli Moretti hatte mir einige Aufzeichnungen gegeben. Ich habe ihm das nie gesagt, aber die habe ich mir nicht mal angesehen. Doch die Herausforderung war enorm, auch für einen wie mich, der schon weit herumgekommen ist. Es ist ziemlich schwierig, einen Papst zu spielen, ganz zu schweigen von einem, der wie dieser in sich zerrissenen ist. Es war ein Balanceakt zwischen Lächerlichkeit auf der einen Seite und Anmaßung auf der anderen. Letztendlich habe ich mich auf mich verlassen, auf mein Verständnis dieses Charakters. Er ist kein demütiger oder verwirrter Mann, im Gegenteil. Er ist mit einer außergewöhnlichen Klarheit gesegnet, wenn es darum geht, die eigenen Grenzen zu erkennen, und er zeigt die Größe, seine Mission infrage zu stellen.
CHEXX Wie würden Sie Melville beschreiben?
Michel Piccoli Er versucht, seinen Schmerz und seinen Zweifel zu verbergen. Aber gleichzeitig stellt er fortwährend Fragen, Fragen an sich selbst, Fragen an den etwas durchgedrehten Schauspieler, weil er sich Klarheit verschaffen will.
CHEXX In Ihre Darstellung legen Sie fast infantile Züge. Warum?
Michel Piccoli Weil es um Leute in meinem Alter geht, die auf ihre Weise mit schwerwiegenden, gefährlichen oder existenziellen Situationen umgehen. Oft reagieren sie fast schüchtern und naiv. Ich wollte meine Rolle nicht als schillernden antiklerikalen Helden auslegen.
CHEXX Wie verstehen Sie das Zögern des Filmcharakters, den Sie spielen?
Michel Piccoli Melville hat zwei Leidenschaften im Herzen: das Theater und die Religion. Er sieht sich selbst als Schauspieler. Er hat in seiner Jugend versucht, Schauspieler zu werden. Aber das hat nicht geklappt. Dann begreift er, was es bedeutet, Papst zu sein, und dass er sich die Aufgabe nicht zutraut. Das ist nicht seine Aufgabe. Er muss sich nach einem dritten Weg umsehen.
CHEXX Was fanden Sie am schwierigsten? Den Verzweiflungsschrei während der Verkündung?
Michel Piccoli Das ist der Wendepunkt der Geschichte. Ein Schrei, der vieles bedeutet, aber mehr als alles andere: Ich kann nicht!
Wir haben ihn bestimmt 20 Mal geprobt! Einmal hat mich Moretti aufgefordert, den Zusammenbruch zu spielen, während wir in einer Trattoria beim Essen waren. Das war schwierig. Eine andere schreckliche Sache war, in den rutschigen Schuhen herumzulaufen.
CHEXX Wie fanden Sie Morettis Regie?
Michel Piccoli Für ihn ist seine Arbeit wie ein Sport - und dadurch für die anderen auch, weil alle jederzeit sehr aufmerksam sein müssen. Er ist wie ein Schiedsrichter …
CHEXX Was halten Sie von Morettis Sicht auf den Vatikan?
Michel Piccoli Ich würde sagen, dass sie meine eigene Überzeugung gestärkt hat: Es lohnt sich, sich an die eigenen Ängste heranzuwagen und über sie zu sprechen. Melville hat das lange nicht getan, vielleicht seit er entschieden hat, nicht zu heiraten - bis er zum Papst gewählt wurde. Es ist großartig zu sehen, wie ein Mann, der die globale Verantwortung über eine weltweite Religion hat, verloren sein kann und sich versteckt.
