Nina Hoss ist in Kürze in dem Kinofilm Fenster zum Sommerzu sehen. Über diesen Film sprachen wir mit Nina Hoss.
CHEXX Was ist das Besondere an deiner Figur Juliane?
Nina Hoss Juliane kommt ungefragt in die Situation, sich noch einmal entscheiden zu können. Und das muss man sich mal vorstellen: Man wird sechs Monate seines Lebens zurückgeworfen, in eine Zeit, die vielleicht nicht besonders schön war. In der man Dinge versäumt oder falsch gemacht hat - sie hatte ja eine geheime Affäre, und sie hat sich von ihrem Freund Philipp getrennt. Das ist die Lehre, die meine Figur ziehen muss: Sie muss ihre Prioritäten neu setzen und die dann auch vertreten, sich der Realität neu stellen. In meinen Augen lernt sie dadurch vor allem sich selbst kennen. Natürlich ist es eine Liebesgeschichte, aber die hat Juliane verändert: Am Ende ist sie selbstständig und verantwortungsbewusst.
CHEXX Und wie kommt sie mit dieser Situation klar?
Nina Hoss Obwohl der Film auch etwas Komödiantisches hat, etwas Leichtes und Humorvolles, war meine Hauptfrage an Henk, den Regisseur, immer: Wie soll sie sich denn an jeden Moment erinnern? Wenn ich jetzt drei Monate zurückdenke, hätte ich keine Ahnung, was ich täglich gemacht habe! Das Schwierige für Juliane ist, dass sie denkt, sie müsse alles wiederholen, damit sie wieder dort ankommt, wo sie unbedingt hin möchte! Einerseits ist das ein ganz verzweifelter Zustand, aber beim Zuschauen hat es andererseits teilweise auch etwas sehr Komisches. Und dass ausgerechnet ein Kind sie mit seiner Naivität darauf bringt, dass sie ja nur an einem speziellen Tag ihre Handlungen genau wiederholen müsse, ist für mich ein wichtiger Moment. Der gibt ihr ebenfalls ein bisschen Leichtigkeit zurück.
CHEXX Welche Rolle spielt das Kind in der Geschichte?
Nina Hoss Juliane muss sich entscheiden: Muss ich mich nicht in erster Linie darum bemühen, meiner Freundin zu helfen und nach ihrem Schicksalsschlag Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen? Ist das vielleicht wichtiger als mein eigenes Glück? Kann mich das schlussendlich sogar zufriedener, ganzheitlicher machen?
CHEXX Die Rolle der Juliane scheint fast zweigeteilt: einmal unwissend, einmal wissend ...
Nina Hoss Ja, beim zweiten Mal begegnet sie auch August ganz anders, denn sie weiß, dass er sie noch nicht kennt. Ich musste mich also in den Zustand hineinversetzen, jemandem gegenüberzustehen, der mir komplett vertraut ist, dem es aber umgekehrt nicht so geht. Man kann ihm somit mit einer größeren Frechheit begegnen. Außerdem ist das ihre Chance: Als sie ihn wieder trifft, ist er gerade verlassen worden, und sie muss einfach probieren, ihn zu verführen. Aus dieser Geschichte holt sie darum auch etwas ganz anderes als er: Sie denkt, sie habe ihn wieder, doch er geht am Morgen einfach weg, denn sie haben sich eben doch im falschen Moment getroffen. Das auszutarieren, damit es nicht zu tragisch wird und damit man nicht plötzlich zwei verschiedene Figuren spielt, sondern eine, die sich entwickelt hat, das war die Herausforderung meiner Rolle.
CHEXX Wie hast du dir erklärt, was Juliane passiert?
Nina Hoss Ich habe das einfach als Fakt akzeptiert. Und ich glaube, das war als Schauspielerin meine einzige Möglichkeit, alles andere muss der Zuschauer sich zusammenbasteln. Denn wenn ich mich nicht in die gleiche Situation wie meine Figur versetze, dann verliere ich alles aus den Augen, vor allem die Glaubwürdigkeit. In einer Filmszene sagt Juliane zu dem kleinen Jungen, dass man manches eben nicht mit dem Verstand erklären kann, sondern sich auf sein Gefühl verlassen muss.
CHEXX Was würdest du denn machen, wenn dir so etwas passieren würde?
Nina Hoss Ich glaube, bei mir gäbe es einen ähnlichen Verlauf: Erst Erstaunen, dann der Versuch, so etwas wie Normalität herzustellen, danach eine Art Zusammenbruch, weil man denkt, man müsse den ersten Versuch genau wiederholen. Und dann wieder laufen lassen, weil man sich sowieso nicht wehren kann. Man ist ja auch damit allein, das ist bestimmt das Schlimmste.
CHEXX Glaubst du an so etwas wie Schicksal?
Nina Hoss Im Sinne von Vorherbestimmung nicht. Ich bin eher bei den Existenzialisten: Man ist selbst verantwortlich für die Gestaltung seines Lebens. Und man trägt die Verantwortung für sein Handeln. Das nimmt mir keiner ab.
CHEXX Ihr vier Hauptdarsteller kennt euch alle noch aus der Zeit an der Ernst-Busch-Schauspielschule - hat das geholfen?
Nina Hoss Mit Mark hatte ich sogar lange zusammen Sprechunterricht, nur zu zweit. Fritzi und ich sind schon seit dieser Zeit eng befreundet. Und über sie kannte ich Henk auch privat. Mit Mark und Lars hatte ich zwar noch nie gearbeitet, aber wir haben uns trotzdem nicht aus den Augen verloren, und ich war sehr gespannt auf den Dreh mit ihnen. Und dass wir aus dem gleichen Stall kommen, das merkte man! Wir bereiten uns ähnlich vor, stellen dieselben Fragen. Wir waren uns nicht fremd, mussten uns nicht erst aufeinander einstellen, das fühlte sich ganz natürlich zwischen uns an.
CHEXX Und das konnte Henk als Regisseur bestimmt auch gut nutzen? Ja, das war großartig, weil er uns großen Freiraum geschenkt hat, gedanklich und beim Spielen. Für mich ist die Vorbereitung immer sehr wichtig, dann lasse ich das alles sacken und denke beim Dreh nicht mehr bewusst daran. Und natürlich ist wichtig, was die Partner tun. Der Film hat eine Leichtigkeit, weil wir uns in solchen Freiräumen begegnen konnten, das hat Henk möglich gemacht.
CHEXX Ihr habt mit einer langen Pause gedreht, wie war das?
Nina Hoss Wir wollten ursprünglich zuerst die Winterszenen mit Juliane in Deutschland und danach Anfang und Ende in Finnland drehen. Das ging aber aus Zeitgründen nicht, wir mussten es umgekehrt machen, und ich dachte, es würde bestimmt schwerer werden, mit dem Ende anzufangen, wenn man die ganze Beziehung nicht erlebt hat. Doch es war sogar besser, finde ich jetzt, denn so wusste ich bei den Winterszenen genau, wonach Juliane sich sehnt, wohin sie zurück will. Es hilft einem manchmal, wenn Bilder nicht nur Fantasie, sondern Erinnerungen sind, zum Beispiel daran, wie alle während der Mittsommernacht durchdrehen. Das hat uns auch als Team sehr zusammengebracht. Insofern ist das im Nachhinein das Beste, was uns passieren konnte.
