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Interview Von Redaktion. Fehler melden. Erschienen bei CHEXX - Stadtmagazin Berlin - www.chexx.de. Drucken. Als eMail versenden.
Veröffentlicht am Montag, den 31. Oktober 2011 um 02:00 Uhr.
Mit Regisseur Leander Haußmann sprachen wir über seinen neuen Film Hotel Lux, der soeben in die Kinos gekommen ist.

CHEXX War das Hotel Lux ein Thema im Schulunterricht der DDR?

Leander Haußmann Nein. Alles, was den Ruhm und die Errungenschaften der Sowjetunion in irgendeiner Weise schmälerte, war natürlich kein Thema. Obwohl die Entstalinisierung in den 50er-Jahren durch die berühmte geheime Rede Chruschtschows zum Parteitag der KPdSU bereits auf dem Wege war, bestand die Auseinandersetzung mit den Gräueln des Stalinismus nur darin, diese bis in die 80er-Jahre hinein einfach nicht zu erwähnen.

CHEXX Wie sah Ihre erste Begegnung mit dem Hotel Lux aus?

Leander Haußmann Die Idee, eine Komödie über das Hotel zu machen, geht auf den geschätzten Kollegen Helmut Dietl zurück. Das muss vor 15 Jahren gewesen sein. Nach einigen vergeblichen Versuchen Dietls, den Zug nach Moskau zu besteigen, und einigen verschlissenen Autoren, landete das Ding bei mir. Und zwar via Günter Rohrbach, in Tateinheit mit Uwe Timm, der dann entnervt das Feld räumte, um doch lieber einen Roman zu schreiben. Daraufhin wurde auch mir das Projekt wieder sanft aus den Fingern gewunden und dem Autoren Volker Einrauch übergeben. Der schrieb aus dem Treatment von Uwe Timm die erste Drehbuchfassung, in der Zeisig noch Vogel hieß und Frida noch die polnische Gräfin Anna war, aber das Potential des Stoffes war schon sichtbar, woraufhin ich mich entschloss, die nächsten drei Jahre meiner Lebenszeit diesem Projekt zu widmen. Nach einigen Überredungskünsten durch Günter Rohrbach erklärte ich mich bereit, das Drehbuch zu schreiben, das jetzt in der filmischen Form vorliegt.

CHEXX War von Anfang an klar, dass die Komödie die beste Erzählform ist?

Leander Haußmann Ja, wobei es sich nicht wirklich um eine reine Komödie handelt. Es ist eher eine Mogelpackung. Die Geschehnisse, die wir unmittelbar mit dem Schicksal von 20 Millionen Opfern verbinden, sind Dramen und damit extrem Komödien unfreundlich. Mit Sonnenallee ist es mir damals gelungen, Kommunismus als Komödie getarnt überhaupt wieder zum Thema zu machen. Populär, unterhaltsam, didaktisch, leicht verdaulich. Der Film Hotel Lux muss sich auch wieder sein eigenes Genre schaffen. Ich denke da an eine typisch deutsche literarische Gattung, die nur noch nicht im Kino angekommen ist: den Schelmenroman.

CHEXX Wie viel Leander Haußmann steckt in der Rolle des Schelms Hans Zeisig?

Leander Haußmann Zeisig ist ein durch und durch erfundener Charakter, der auf Erfahrungen meiner Persönlichkeit beruht, aber auch auf anderen tatsächlichen Zeitgenossen der 30er-Jahre, wie etwa Karl Valentin und Werner Fink. Identifizieren kann ich mich mit seinem gnadenlos menschlichen Ansatz der Betrachtung gesellschaftlicher Zustände. Er baut auf die Kraft des Lachens, der Kunst und des Theaters, er pocht auf das Recht der Individualität. Seine Art der Bewegung in diesen zwei Diktaturen ist geradezu selbstmörderisch, doch er kann nicht anders. Er liebt das Leben und die Freiheit, aber noch mehr liebt er die Bequemlichkeit. Er hält sich selbst für einen Zyniker, aber er ist eigentlich warmherzig und - entgegen seiner Selbsteinschätzung - ziemlich mutig.

CHEXX Wie viel Bully Herbig steckt in der Rolle?

Leander Haußmann Tja, genauso viel, wie er bereit war, hineinzustecken. Und das war ziemlich viel. Allerdings ist Bully kein Ladykiller wie Zeisig. Es ist auf keinen Fall von Nachteil, wenn man die Besetzung der Hauptrolle kennt, während man das Drehbuch schreibt. Die Rolle habe ich Bully auf dem Leib geschrieben.

CHEXX Bully Herbig ist für seinen Perfektionismus bei der Regieführung bekannt. Wie würden Sie Ihren eigenen Regiestil beschreiben?

Leander Haußmann Sehr offen.

CHEXX Wie war die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Bully Herbig?

Leander Haußmann Sehr offen.

CHEXX Wie wichtig war für Sie die Motivsuche in Moskau?

Leander Haußmann Wenn man einen historisch korrekt erfundenen Film macht, sollte man sehr genau recherchieren. Insofern war die Moskau-Reise für die Arbeit existentiell. In Stalins Villa haben mich zwei Dinge auf Anhieb beeindruckt: Die Pantoffeln im Eingangsbereich, darunter ein paar winzige Puschen, nämlich die von Putin, und Stalins Badezimmer. Hier also ging selbst der Diktator zu Fuß hin. Ich habe diese Eindrücke und viele andere szenisch verarbeitet. Am Schreibtisch wäre mir das nicht eingefallen.

CHEXX Wären Dreharbeiten in Russland eine Alternative zu den Dreharbeiten in Deutschland gewesen?

Leander Haußmann Natürlich war der Gedanke reizvoll, in Stalins Original-Datscha zu drehen. Aber die Schwierigkeiten waren zu groß. Außerdem ist die jetzige Führung immer noch sehr Stalin freundlich. Man mag es nicht, wenn Ausländer sich auf diesem Gebiet kritisch betätigen. Schon gar nicht die Deutschen.

CHEXX Das Hotel Lux existiert heute nicht mehr. Wie haben Sie es bei Ihrem Besuch erlebt?

Leander Haußmann Ein Oligarch hat es erworben, und es befand sich bei unserem ersten Besuch im Jahr 2008 kurz vor dem Umbau. Die Fassade war bereits von meterhohen Betonblöcken eingemauert, sodass man die Fassade von der Straße aus nicht sehen konnte. Fotografieren und Filmen war im Innern des Hotels strengstens verboten. Das Luxushotel, das entstehen sollte, durfte nicht befleckt werden vom Blut der Kommunisten, die dort durch Kommunistenhand umgekommenen sind. Bei unserem zweiten Besuch stand nur noch die Ummauerung, die Hotelfassade war komplett verschwunden.

CHEXX Ist es wichtig für das Publikum, die historischen Personen im Film zu kennen?

Leander Haußmann Nein, aber ein bisschen politisches Hintergrundwissen würde doch vielen nicht schlecht zu Gesicht stehen. Überhaupt ist der Stand des Wissens im Allgemeinen sehr dürftig. Da gibt es Nachholbedarf, wenn ich mal so schulmeisterlich den Finger heben darf. Aber dem Genuss des Films tut politische Unbildung keinen Abbruch. Wer nicht weiß, wer Walter Ulbricht war, dem ist natürlich nicht zu helfen.

CHEXX Wie sehr müssen die Politiker im Film historisch korrekt sein?

Leander Haußmann In diesem Film sehe ich keine Politiker, ich sehe nur Gangster, Scharlatane und Opportunisten. Na ja, so gesehen sind es dann wahrscheinlich doch wieder Politiker. Die Idee des Kommunismus war ja schon gescheitert, bevor sie sich richtig behaupten durfte. Nur die Verräter, die Kriecher sind damals durchgekommen. Die Menschen mit großen Träumen, großen Hoffnungen und großen Visionen haben die Säuberungen nicht überlebt. Sie wurden ausgerottet. Die anderen wurden Staatschefs.

CHEXX Wie erklären Sie sich die bis heute anhaltende Verehrung Stalins in Russland?

Leander Haußmann Das hat natürlich mit seinem Sieg über die Faschisten zu tun und damit, dass es vielen Menschen in Russland heute sehr schlecht geht. Außerdem hat sich nach der zaristischen Monarchie in diesem riesigen Land, das ja eine Union verschiedener Länder ist, nie eine demokratische Struktur etablieren können.

CHEXX Gibt es einen roten Faden, der von Ihrem Kinoregiedebüt Sonnenallee über Herr Lehmann und weitere Filmprojekte nun bis zu Hotel Lux führt?

Leander Haußmann Ja. Mich.

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