Michael Bully Herbig ist in dem kommenden Film Hotel Luxzu sehen. Vorab bekamen wir die Gelegenheit zu einem Gespräch.
CHEXX Was wussten Sie vor diesem Filmprojekt über das Hotel Lux?
Michael Bully Herbig Überhaupt nichts. Ich kannte nur das Hotel California.
CHEXX Wann hat sich das geändert?
Michael Bully Herbig Als ich im Sommer 2008 am Walchensee Wickie und die starken Männer
drehte, kam Herr Rohrbach zu Besuch. Ich fand es unglaublich reizend, dass er mit dem Auto extra so weit raus fährt, um sich mit mir zu treffen. Bei einem Abendessen hat er mir vom Hotel Lux erzählt. Das war wie Geschichtsunterricht für mich, denn es fielen sehr viele Namen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Ich kam mir völlig unwissend vor.
CHEXX Ist bei diesem Abendessen der Funke übergesprungen?
Michael Bully Herbig Wir sind so verblieben, dass er mir das Drehbuch schickt. Das hat er auch getan. Ich habe es gelesen, konnte es mir aber nicht so recht vorstellen. Meine Figur war wesentlich dramatischer angelegt als heute, und ich hielt es für keine so gute Idee, eine solche Rolle zu übernehmen.
CHEXX Keine Ambitionen?
Michael Bully Herbig Sagen wir so, es kommt auf die Rolle, den Stoff und das Drehbuch an. In diesem Fall erschien mir das ein Schritt zu viel. Ich habe lange überlegt, wie ich Herrn Rohrbach absage. Immerhin habe ich sehr großen Respekt vor ihm. Also habe ich mir vorher ein paar Argumente zurechtgelegt und ihn dann angerufen. Dieses Gespräch werde ich nie vergessen.
CHEXX Wieso?
Michael Bully Herbig Ich sagte: Herr Rohrbach, auch auf die Gefahr hin, dass Sie enttäuscht sind und mich für feige halten: Das Drehbuch ist nichts für mich und dazu habe ich noch ein zeitliches Problem. Aus diesem Grund möchte ich lieber absagen.
Daraufhin sagte er wie aus der Pistole geschossen: Nein, Sie sagen nicht ab!
- Wie bitte?
- Nein, Sie sagen nicht ab.
- Doch.
- Nein, ich hätte Ihnen das Buch nicht schicken dürfen. Das ist eine alte Version. Da sitzt jetzt Leander Haußmann dran. Der muss nur wissen, wer die Rolle spielt, dann tut er sich leichter beim Schreiben. Sie dürfen das nicht absagen. Sie wollen doch mal den Oscar!
- Ja, schon, Herr Rohrbach. Aber ich kriege es nicht unter. Ich muss leider absagen.
Woraufhin er den legendären Satz sagte: Sie sagen nicht ab! Einigen wir uns darauf, dass Sie nicht zusagen.
Er hat mit so viel Leidenschaft gekämpft, dass ich mich natürlich auch sehr geschmeichelt gefühlt habe.
CHEXX Wie hat er Sie am Ende überzeugt?
Michael Bully Herbig Ich habe die neue Fassung abgewartet und mehrmals mit Leander Haußmann telefoniert. Wir kannten uns vorher nicht. Ich habe gespürt, dass mit Leander eine ganz andere Temperatur in dieses Buch kam. Die Schlüsselfrage war immer: Was wird das? Eine Komödie? Ein Drama? Ein Abenteuerfilm?
CHEXX Was ist es denn?
Michael Bully Herbig Die treffendste Formulierung stammt von Thekla Reuten: Eine historisch korrekt erfundene Geschichte
. Mir gefällt besonders, dass dieser Hans Zeisig in eine Welt gestoßen wird, die ihn gar nicht interessiert. Er hat die naive Einstellung: Das mit den Nationalsozialisten kann ja nicht so lange dauern. Er will das aussitzen und später mit seinem Kumpel Siggi Meyer nach Hollywood gehen. Davon träumt er, dafür kämpft er. Für ihn ist alles Entertainment. Das ist seine Leidenschaft. Leander hat mal den schönen Satz gesagt: Mit ein bisschen mehr Tingeltangel wäre die Welt ganz sicher besser!
CHEXX Sie sind bekannt für Ihren Hang zum Perfektionismus, Leander Haußmann dreht dagegen sehr spontan. Wie harmonieren Sie bei der Arbeit miteinander?
Michael Bully Herbig Erstaunlich gut, obwohl der Unterschied kaum größer sein könnte. Leander arbeitet komplett anders als ich, und ich arbeite komplett anders als er.
CHEXX Wie arbeitet Leander Haußmann?
Michael Bully Herbig Er wirkt auf charmante Art unvorbereitet, könnte aber auch eine Masche sein. Er kommt ans Set und sagt in einigen Fällen schon nach der ersten Probe: Lass uns mal eine drehen.
Was den Vorteil haben kann, dass du mit einer enormen Frische an eine Szene herangehst. Auf der anderen Seite brauchst du manchmal eine gewisse Aufwärmphase, bis du in einer Szene drin bist. Leander dreht diese Proben einfach mit.
CHEXX Haben Sie manchmal den Wunsch und Drang verspürt, heimlich Co-Regie zu führen?
Michael Bully Herbig Nein. Das wäre respektlos gegenüber Leander Haußmann. Ich finde sehr schön, dass er sehr offen ist für Vorschläge vom ganzen Team. Er sagt den Schauspielern, aber auch allen anderen Abteilungen wie Ausstattung, Kostüm oder Maske nicht exakt, was sie machen sollen. Er lässt sich überraschen, was sie von sich aus anbieten. Dann sucht er sich das raus, was seiner Vision am ehesten entspricht. Er ist völlig uneitel und hat überhaupt keine Profilneurosen.
CHEXX Darf man einem Ort wie dem Hotel Lux, an dem Menschen gefoltert, getötet und denunziert wurden, mit Humor begegnen?
Michael Bully Herbig Ich hätte mich das als Regisseur nicht getraut. Aber Leander ist in einem Staat aufgewachsen, in dem es nicht die Freiheit gab, die man heute genießen kann. Er hat mir einen Auszug aus seiner Stasi-Akte gezeigt, in der so Sätzen stehen wie H. erklärte den Studenten ungefragt, dass das Programm zum Geburtstag von Karl Marx scheiße ist!
. Wer da wen denunziert, verraten und bespitzelt hat, kann man sich kaum vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ich habe weder Freunde noch Verwandte, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Für mich ist das eine fremde Welt.
CHEXX Wie haben Sie sich mit der Geschichte des Hotel Lux vertraut gemacht?
Michael Bully Herbig Von Produktionsseite hat man mir alle möglichen Bücher, DVDs, CDs organisiert. Je mehr ich erfahren habe, desto weniger wollte ich wissen. Sonst hätte ich womöglich beim Spielen moralische Zweifel bekommen. Es war gut, nicht im Detail zu wissen, wer und wie verschleppt und umgebracht wurde. Zeisig selbst merkt erst im Laufe der Zeit, in welche Hölle er dort geraten ist und dass er nur durch seine Begabung des Verstellens und Imitierens überleben kann. Das gefällt mir auch so an dieser Figur.
CHEXX Wie wichtig ist es für den Zuschauer, die historischen Persönlichkeiten im Film zu kennen?
Michael Bully Herbig Das war schon bei der Stoffentwicklung die große Frage. Ich war immer ein bisschen die Spaßbremse und habe davor gewarnt, dass man am Ende für diesen Film eine Gebrauchsanleitung brauchen könnte. Der Film funktioniert nur dann, wenn man die Figuren nicht unbedingt vorher schon kennen muss, wie z. B. Georgi Dimitrow oder Wilhelm Pieck. Es wäre natürlich schön, wenn der Film Interesse weckt und die Leute hinterher selbst nachforschen, wer im Hotel Lux untergetaucht ist und sich Hoffnungen auf eine bessere Welt gemacht hat.
CHEXX Greift Hotel Lux
ein reines Ost-Thema auf?
Michael Bully Herbig Ich hoffe nicht. Das Reizvolle an diesem Film ist die Geschichte von Zeisig. Es spielt keine Rolle, ob man weiß, dass es ein Hotel Lux gegeben hat. Da ist ein Komiker, der im Berlin der 30er-Jahre auf der Bühne steht und nach Hollywood will. Er macht einen Gag zu viel über Hitler, muss flüchten und hofft, dass er Papiere für die Vereinigten Staaten bekommt, um dort Karriere zu machen. Dann landet er in Moskau, versteht die Sprache nicht und muss mit seinem Talent, mit seinem Tingeltangel, überleben. Letztlich ist es auch eine Verwechslungskomödie. Aber eben mit tödlichen Konsequenzen, wenn der Protagonist einen Fehler macht.
CHEXX Die Dreharbeiten fanden weitgehend im Haus Cumberland in Berlin statt. War das ein würdiger Ersatz für das echte Hotel Lux?
Michael Bully Herbig Dieses Hotel war ein totaler Glücksgriff. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wo man das anders hätte drehen sollen. Diese endlosen Gänge, dieser morbide Flair! Leander hat das clever gemacht: Wir sind öfter mit der Steadycam durch die Flure gelaufen, damit die Zuschauer sehen, dass die endlosen Gänge tatsächlich echt sind. Man verläuft sich fast darin. Das Cumberland in Berlin war ein Volltreffer.
CHEXX An welchen Kleinigkeiten wurde die Liebe zum Detail besonders deutlich?
Michael Bully Herbig Die ganze Ausstattung ist unfassbar Detail verliebt. Überall liegen Briefe und Mappen herum, die authentisch in verschiedenen Sprachen und von Hand oder Maschine geschrieben wurden. Für Pässe wurden vorher Schwarzweißfotos gemacht. Wenn die Kamera mal näher kommt, stimmt da jedes Detail. Ich bin in diese eingerichteten Hotelzimmer gegangen und habe sofort gedacht: Oups! Da möchte man wirklich nach einer Nacht wieder raus!
CHEXX Hans Zeisig parodiert Joseph Stalin. Wie haben Sie die Parodie angelegt?
Michael Bully Herbig An Anfang stand im Drehbuch, dass es eine Hitler-und-Stalin-Parodie mit Meyer und Zeisig gibt. Da habe ich sehr früh meine Bedenken angemeldet. Ich finde, dass Bühnenprogramme in Filmen nur selten funktionieren. Sie sehen immer sehr gestellt aus und man merkt meistens, dass die Komparsen zum Lachen animiert wurden. Ich habe Leander sehr früh eine Musiknummer vorgeschlagen, eine Performance, die einen witzigen Text hat und an sich komisch ist. Das hat geholfen, denn letztlich kann man Stalin nicht parodieren. Kaum einer weiß, wie er sich benommen hat und wie er seine Reden gehalten hat. Im Gegensatz zu Adolf Hitler war Stalin ein sehr ruhiger Redner. Wenn man den parodieren möchte, passiert nicht viel. Insofern war es für mich sehr wichtig, dass wir daraus eine Musiknummer im Stil der alten Hollywood-Musicals machen.
CHEXX Wie sind Ihre Qualitäten als Tänzer?
Michael Bully Herbig Ich habe ein paar Stunden Step-Unterricht genommen. Dann haben wir noch ein paar Can-Can-Tänzerinnen auf die Bühne gepackt. Ich glaube, das ist eine schöne Nummer geworden. Mir hat sie auf jeden Fall viel Spaß gemacht.
CHEXX Sie haben Jürgen Vogel als Filmpartner vorgeschlagen. Was verbindet Sie außer der Tatsache, dass Sie beide am selben Tag geboren wurden?
Michael Bully Herbig Ich kenne Jürgen noch gar nicht so lang. Wir sind uns 2007 bei einer kleinen Vorführung von Die Welle
zum ersten Mal begegnet. Wir kannten uns gegenseitig nur aus dem Kino oder aus dem Fernsehen, aber offensichtlich bestand da eine Sympathie und wir sind uns gleich in die Arme gefallen. Witzigerweise hatte ich erst zwei Wochen vorher durch Zufall erfahren, dass wir am selben Tag Geburtstag haben. Das ist ein guter Aufhänger. Da war das Eis sehr schnell gebrochen.
CHEXX Wie stehen die Chancen auf den Oscar, den Herr Rohrbach Ihnen versprochen hat?
Michael Bully Herbig Ich werde ihn daran erinnern, wenn der Film ins Kino kommt.
CHEXX Ist Hotel Lux
Ihr erster Schritt zum Abschied aus dem Komödienfach?
Michael Bully Herbig Dieser Film ist anders als alle Filme, die ich vorher gemacht habe. Und ein bisschen Komödie steckt ja auch noch drin. Ich hoffe, dass er den Zuschauern gefällt und dass man nicht anfängt, den Film mit meinen anderen zu vergleichen. Das kann man einfach nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der nächste Film, den ich selbst inszenieren werde, keine Komödie ist. Aber hundertprozentig sicher bin ich mir da auch nicht.
