Der Rassist ist immer ein Anderer, niemals man selbstsagt Daniel Boon, Regisseur und Akteur des Films
Nichts zu verzollenim Interview.
CHEXX Wann sind Sie auf die Idee zu Nichts zu verzollen
gekommen?
Dany Boon Während einer Promotiontour für Willkommen bei den Sch’tis
. Da es in den nördlichen Regionen Frankreichs und in Belgien endlos viele Screenings gab, bin ich dauernd über die Grenze zwischen beiden Ländern gefahren, immer hin und her. Sie ist natürlich längst nicht mehr da, aber als Student habe ich diese Grenze sehr häufig überquert - entweder um zu irgendwelchen Partys zu fahren oder um Pferdewetten für meinen Vater abzuschließen - und das Ganze hat mich immer total nervös gemacht. Ich hatte damals lange Haare, und mit meiner Zeichenmappe und meinen Buttons von The Cure wurde ich jedes einzelne Mal angehalten und gefilzt. Als ich jetzt wieder über diese Grenze fuhr, fand ich ein regelrechtes Niemandsland vor: leere Wachhäuschen, geschlossene Läden, verlassene Häuser - eine Art Geisterstadt. Wie in einem Western. Und ich dachte sofort, dass das doch eine tolle Filmkulisse wäre. Die Grundidee des Films ist also dort entstanden. Dann habe ich mich mit Zollbeamten getroffen, die mir erzählen konnten, wie es vorher gewesen war, welche Veränderungen sich vollzogen hatten. Einige von ihnen hatten den letzten Tag, den Tag der Schließung, sogar mit ihren Videokameras festgehalten. Zudem bin ich ins Institut für Audiovisuelle Medien gegangen; dort habe ich im Archiv unter anderem auch Material über Streiks gefunden, die damals aus Protest gegen die Schließung der Grenzen organisiert worden waren.
CHEXX Auch wenn der Zoll als Hintergrund für Ihre Geschichte dient, könnte man den Film auch als Liebesgeschichte betrachten, oder?
Dany Boon Ja. Für mich ist es vor allem eine Liebesgeschichte zwischen Mathias Ducatel, dem von mir gespielten französischen Zollbeamten, und einer jungen Belgierin, der Schwester des frankophoben Zollbeamten Ruben Vandevoorde. Einer der Zollbeamten, mit denen ich mich getroffen habe, hatte einen Kollegen, dem etwas ganz Ähnliches tatsächlich passiert ist; dessen Liebe zu einer Frau, die für den belgischen Zoll arbeitete, wurde von den Vorgesetzten nicht gern gesehen. Zugleich ist diese Geschichte einer unmöglichen Liebe jedoch auch von der Geschichte meiner Eltern inspiriert. Mein Vater stammt aus Algerien und meine Mutter aus Frankreich. Sie wurde sehr schnell schwanger und daraufhin von einem Teil ihrer Familie verstoßen. Wenn man so etwas als Kind erlebt, vergisst man es nicht mehr. Aber mal ganz abgesehen vom Fall meiner Eltern kennen Menschen überall auf der Welt Paare, die sich über Grenzen hinweg finden - seien es Grenzen sozialer, religiöser oder anderer Art. Ich wollte mit Nichts zu verzollen
eine Komödie schreiben, in der ich das Thema Fremdenfeindlichkeit ziemlich weit treiben kann, ohne dass man dabei das kleinste bisschen Unbehagen verspürt, weil die Franzosen und die Belgier sich eigentlich so nah sind. Ruben Vandevoordes Franzosenhass kann realistisch wirken, einen zum Lachen und zum Nachdenken bringen, ohne dass man sich dabei windet. Man kann sehr viel über Patriotismus und Fremdenhass sagen, wenn man es so indirekt macht. Wenn man das Wort französisch
in Rubens Äußerungen nimmt und es durch arabisch
oder jüdisch
oder schwarz
ersetzt, nimmt das Ganze sofort eine völlig andere Dimension an. Das nutzen wir sogar in einer Szene, in der Mathias sich während eines Abendessens bei Ruben nicht traut, sein wahres Problem zu gestehen, und Ruben deshalb erzählt, er sei in eine Schwarze verliebt, deren Familie Weiße nicht leiden könne. Und was antwortet Ruben? Oh, wie blöd!
und Das ist aber traurig!
Der Rassist ist immer ein anderer, niemals man selbst.
CHEXX Haben Sie nach dem Riesenerfolg von Willkommen bei den Scht’is
einen großen Druck beim Schreiben Ihres nächsten Films empfunden?
Dany Boon Ja, der Druck war schon sehr groß. Viele Regisseure und Produzenten hatten mir erklärt, wie schwierig es sei, sich nach einem großen Erfolg wieder hinzusetzen und zu schreiben. Und dass es dann normalerweise ein großer Flop würde! (lacht) Bertrand Blier sagte sogar zu mir: Viel Glück für Ihren nächsten Film. Denn mein nächster direkt nach ‚Die Ausgebufften‘ war ein Riesenreinfall!
(lacht) Auf der praktischen Ebene lief aber alles gut, als ich erst einmal eine Geschichte gefunden hatte. Auch wenn ich vermutlich immer diese Vorstellung im Hinterkopf hatte, dass alle sehr gespannt sind, was ich nun tun würde. Ich schätze, ich habe mich selbst stark unter Druck gesetzt, weil ich dachte, ich dürfte die Leute nicht enttäuschen. Anfangs hatte das Produktionsteam, glaube ich, Angst, dass ich aufs Set kommen und meine 20 Millionen verkauften Kinokarten vor mir hertragen würde. Das kann ich verstehen. Aber es ist einfach nicht so. Ich freue mich wirklich sehr über diesen phänomenalen Erfolg, aber ich hatte nie vor, ihn bei diesem Dreh wie ein Banner zu schwingen!
CHEXX Wenn man Erfolg hat, ist es aber auch so, dass alle aufhören, einem zu widersprechen, und tendenziell immer zustimmen, egal was man zu dem Drehbuch sagt, oder?
Dany Boon Es stimmt, dass sich die Beziehungen verändern. Und bevor ich das Buch irgendwem zu lesen gab, musste ich das Gegenteil von dem tun, was ich mit Willkommen bei den Sch’tis
gemacht hatte. Damals erklärte ich allen, es sei leichter, das Buch zu hören, als es zu lesen. Ich bat die Leute um Nachsicht und Geduld. Jetzt habe ich sie gebeten, das zu vergessen und sich nicht zu scheuen, mir zu sagen, was nicht funktioniert. Dann hörte ich mir alle Meinungen an und traf meine Auswahl. Ich habe insgesamt sieben verschiedene Fassungen von dem Drehbuch geschrieben. Und die größte Schwierigkeit lag darin, die richtige Balance zwischen dem Duo Ruben und Mathias und den anderen Figuren der Geschichte zu finden. Einerseits den Hauptstrang der Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren und andererseits nicht zu langweilen, wenn man von den beiden Helden der Geschichte weggeht.
CHEXX Inwiefern hilft Ihnen Ihre Theatererfahrung beim Filmemachen?
Dany Boon Ich glaube, in den 15 Jahren, in denen ich One-Man-Shows mache und live vor Publikum auftrete, habe ich ein gutes Gefühl für das Timing bekommen, was für eine Komödie unerlässlich ist. Außerdem habe ich ein gutes Ohr und höre es, wenn ein Dialog falsch klingt.
CHEXX Stand für Sie von vorneherein fest, dass Benoît Poelvoorde die Rolle des belgischen Zollbeamten übernehmen sollte?
Dany Boon Ja. Weil Benoît so eine riesengroße Menschlichkeit ausstrahlt, dass es immer funktioniert, egal was für schreckliche Sachen aus seinem Mund kommen. Es war das erste Mal, dass ich speziell für einen Schauspieler geschrieben habe. Normalerweise mache ich so was nicht gern, weil das, was man bereits von einer Person weiß oder gesehen hat, die eigene Phantasie einschränken kann. Aber Benoît ist ein Sonderfall - er ist so intensiv, dass es diese Probleme mit ihm einfach nicht gibt. Er war eine todsichere Wahl für diese Rolle, und trotzdem hat er es geschafft, mich zu überraschen! Er hat mir Sachen gezeigt, die ich bei ihm noch nie zuvor gesehen hatte. Er bringt sich in jede Szene ganz ein; er macht keine halben Sachen. Und wenn er mal über ein Wort stolpert oder zwei Zeilen durcheinanderbringt, wird er wütend auf sich selbst, ohne dass sich dies jedoch im Geringsten auf seine große Spielfreude auswirkt.
CHEXX War es für Sie auch von Anfang an klar, dass Sie selbst in Ihrem Film mitwirken? Und hat es Spaß gemacht?
Dany Boon Ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt. Inzwischen habe ich am Set natürlich alles ziemlich gut unter Kontrolle. Auch das verdanke ich meiner Erfahrung mit Solo-Auftritten. Anfangs hat es mich nervös gemacht, wenn etwas kam, womit ich nicht gerechnet hatte. Jetzt habe ich gelernt, damit umzugehen, beispielsweise durch Improvisation. Aber trotzdem ziehe ich tendenziell die Momente vor, in denen ich nicht selbst spiele. Ich muss zugeben, dass es mir enorm viel Spaß macht, Regie zu führen und den Darstellern dabei zuzusehen, wie sie meinen Figuren Leben einhauchen.
CHEXX Welche Art von Schauspielerregisseur sind Sie denn?
Dany Boon Ich kläre sehr viel vorab, um die Schauspieler nicht mit technischem Kram zu ermüden. Entsprechend fertige ich von vielen Szenen Storyboards an oder lasse sie anfertigen. Sobald ich am Set bin, mache ich erst einmal technische Proben. Ich habe immer eine ziemlich genaue Vorstellung von dem, was ich will, auch wenn ich selten exakt bei dem bleibe, was ich vorher geplant hatte. Aber über dieses Gerüst zu verfügen, gibt mir die Freiheit, die Zusammenarbeit mit meinen Schauspielern zu genießen. Ich höre mir ihre Vorschläge an und richte diese dann an dem aus, was ich möchte, und an meiner genauen Kenntnis jeder einzelnen Figur. Ich höre mir alles in Ruhe an und treffe dann meine Entscheidungen. Denn ich weiß, dass das Publikum schon aus einem Film herausgerissen werden kann, weil irgendeine kleine Rolle falsch klingt, nicht präzise geschrieben oder nicht klar definiert ist. In dieser Hinsicht bin ich geradezu besessen.
