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Interview Von Redaktion. Fehler melden. Erschienen bei CHEXX - Stadtmagazin Berlin - www.chexx.de. Drucken. Als eMail versenden.
Veröffentlicht am Freitag, den 26. August 2011 um 01:00 Uhr.
Ein Interview mit Veit Helmer, dem Regisseur des nun startenden Films Baikonur.

CHEXX Was bedeutete Ihnen die Welt der Astronauten und Kosmonauten bevor Sie Baikonur drehten?

Veit Helmer Baikonur ist ein Ort, der für mich mit vielen Dingen besetzt war, die ich schon immer umsetzen wollte. Ich hatte einmal davon gehört, dass eine Kapsel aus dem Weltraum von Dorfbewohnern gefunden wurde. Diese Geschichte wollte ich unbedingt einmal verfilmen. Ich kannte vor den Dreharbeiten nur Bilder von Baikonur und der Film war dann meine erste Gelegenheit mir Baikonur anzuschauen. Die Realität war natürlich spannender als die Vorstellung und so entdeckte ich vor Ort Dinge, die ich mir vorher nicht einmal erträumte.

CHEXX Würden Sie jetzt nach den Dreharbeiten ins All reisen, wenn es einen Sponsor für diese Reise gäbe?

Veit Helmer Ins All zu reisen ist ein großer Traum von mir, aber mit diesem Film habe ich ihn nun abgearbeitet. Wir haben ja in einem Parabelflugzeug die Schwerelosigkeit gedreht, da ist vielen schlecht geworden. Außerdem konnten wir beobachten, wie die Kosmonauten in diese Kapsel gepfercht werden - das ist schlimmer als Sardinen in einer Dose. Nun bin ich geheilt! Ich muss da nicht mehr hoch. Beim Traum ins All zu fliegen, ist der Traum an sich das Schönste; wie bei vielen Dingen im Leben.

CHEXX Was fällt Ihnen zum Namen Juri Gagarin ein?

Veit Helmer Der Film versucht ein Bild zurechtzurücken. Im Westen haben wir immer gelernt, die ersten Menschen auf dem Mond seien die Amerikaner gewesen und alles was davor geschah, sei eigentlich belanglos. Im Osten Europas war es genau umgekehrt. Dort lernte man, Gagarin war der erste Mensch im All und alles was auf ihn folgte, war nicht wirklich bedeutend. Ich möchte es folgendermaßen darstellen: Es war Gagarin. Er war der Erste im All. Vor ihm gab es den ersten Sputnik, der wurde auch von Baikonur gestartet. Danach folgte Laika, der erste Hund im All. Jetzt zum 50jährigen Jubiläum der bemannten Raumfahrt war es an der Zeit wieder einmal ein Spotlight auf die sowjetische Raumfahrt zu richten.

CHEXX Gab es Recherchen mit Kosmonauten, die im All waren und wie entstand das Drehbuch?

Veit Helmer Als Autor habe ich Sergej Ashkenazy angesprochen, gemeinsam mit mir das Drehbuch zu schreiben. Er war sofort begeistert und als gebürtiger Ukrainer quasi mit Gagarin aufgewachsen. Wir waren zusammen in Baikonur und sprachen mit Leuten, die seit Anbeginn dort gearbeitet haben. Um Juri Gagarin gibt es in Baikonur einen regelrechten Kult. Jeder Baum, an den er gepinkelt hat, ist mit einer Plakette versehen (lacht). Diese Reisen und diese Riten haben den Film sehr inspiriert. Auch weiht ein Priester die Raketen und spritzt den Kosmonauten Wasser ins Gesicht - Das ist keine Drehbuchfantasie, sondern Recherche.

CHEXX Zu welchem Filmgenre gehört Baikonur?

Veit Helmer Ich werde sehr oft nach dem Genre meiner Filme befragt, aber in diesem Fall kann ich dies noch nicht beantworten. Wir experimentieren gerade im Schneideraum mit verschiedenen Trailern zu Baikonur.

CHEXX Wollten Sie mit Baikonur auch etwas Neues ausprobieren im Vergleich zu Ihren bisherigen Filmen?

Veit Helmer Jedes Projekt ist für mich Neuland. Wenn die Leute dann in den Schneideraum kommen, sagen sie: Ein typischer Veit Helmer Film! Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern soll. Ich glaube schon, dass auch dieser Film wieder Elemente von früheren Filmen aufweist - es steht nämlich wieder eine Liebesgeschichte im Zentrum. Aber die Verbindung von Magie und Realismus findet diesmal auf eine ganz besondere Weise statt. Durch meine Recherchen belegt, handelt es sich bei der Welt im Film um eine reale Welt. In Kasachstan gibt es Dörfer, in denen Raketenteile gesammelt werden. Es gibt Kosmonauten, die für 20 Millionen ins All fliegen. All dies existiert. Die Verbindung und die Verdichtung aber, ergeben dann erst das Märchen, das vielleicht wieder an meine ersten Filme erinnert.

CHEXX Wie haben Sie die Drehorte gefunden und ab wann war es sicher in Kasachstan und Russland zu drehen?

Veit Helmer Baikonur stand unter militärischer Verwaltung und zuvor drehte dort niemand einen Spielfilm. Ich war immer sehr optimistisch, fragte mich jedoch, was passiert, wenn ich die Drehgenehmigung nicht bekomme. Durch die Hilfe von Freunden und Produzenten aus Moskau erhielten wir dann zunächst eine Drehgenehmigung, erfuhren aber mitten in der Vorproduktionsphase, dass die wichtigste Genehmigung, die des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB noch fehlt. Zu diesem Zeitpunkt, war das Dorf bereits aufgebaut und die Kamera unterwegs. Ich musste den Drehplan umstellen und während der Dreharbeiten kam dann fünf vor zwölf der rettenden Anruf. Das war ein riskantes Spiel und hätte meine Existenz als Produzent zerstören können.

CHEXX Warum sind Sie auch der Produzent ihrer Filme. Das ist ja eine Doppelbelastung.

Veit Helmer Meine Projekte bergen immer ein gewisses Risiko. Da bekommen Produzenten oft kalte Füße. Ich beschloss schon bei meinem ersten Film Tuvalu selber zu produzieren. Es handelte sich um einen schwarz-weiß Film mit Schauspielern aus acht Ländern, Drehort Bulgarien. Nach 9/11 drehte ich dann meinen zweiten Spielfilm im Sicherheitsbereich des Frankfurter Flughafens und bekam zunächst auch keine Dreherlaubnis. Bei Absurdistan drehte ich in einem Dorf in Aserbaidschan. Wenn ich selber produziere, kann ich auch alle wichtigen Entscheidungen selber treffen. Das beeinflusst den kreativen Prozess. Das möchte ich mir nicht nehmen lassen.

CHEXX Sie sind bekannt für ihr ausführliches und ungewöhnliches Casting. Wie kam es zu diesen Entscheidungen, einen russischen Schauspielstudenten, einen usbekischen Popstar und ein französisches Model zu verpflichten?

Veit Helmer John Huston sagte einmal 90% des Regie Führens sei Casting. Ich möchte, dass sich Schauspieler mit ihrem Ich einbringen und meistens stelle ich dann überrascht fest, dass hinter den Schauspielern eine Biografie steht, die viel gemein hat mit den Figuren des Drehbuchs. Marie de Villepin ist sicherlich ganz viel Julie Mahé. Sie kommt aus einer wohlhabenden Familie, ist Jetset-mäßig durch die Welt gereist. Alexander Asochakov dagegen kommt aus dem hintersten Winkel Sibiriens und muss sechs Stunden reisen, um einen Bahnhof zu erreichen. Bei ihm dauerte die Reise zum Drehort zwei Tage und Internet gibt es nicht. Man muss ihn über das Handy seiner Nachbarin erreichen. Das wiederum entspricht sehr stark Gagarin. Casting ist demnach doch eine entscheidende Frage.

CHEXX Zu den verblüffendsten Szenen gehören die in der Schwerelosigkeit. Wie haben Sie diese Aufnahmen gedreht?

Veit Helmer Das deutsche Luft- und Raumfahrtinstitut hat uns beraten. Wir durften mit Marie de Villepin sogar in einem Parabelflugzeug in Bordeaux mit echten Wissenschaftlern drehen. Nur zwei Personen konnten das Flugzeug besteigen. Das waren der Kameramann, der auf Drehs in der Schwerelosigkeit spezialisiert ist und Marie de Villepin. Wie allerdings Marie de Villepin die Schwerelosigkeit verkraften würde, war unklar. Den Wissenschaftlern ging es im Gegensatz zu ihr sehr schlecht.

CHEXX Baikonur in Kasachstan auf 35mm Filmmaterial zu drehen ist ein Wagnis. Man könnte auch digital drehen. Warum entscheiden Sie sich immer noch für das 35mm Filmmaterial?

Veit Helmer Zurzeit findet ein Wandel statt. Denn alles Analoge verschwindet. Ich sage immer: Digital ist zum Vergessen und Analog ist zum Erinnern. Für mich hat die analoge Filmtechnik eine Magie, die digitale Filmtechnik nicht erzeugen kann. Ich glaube auch nicht, dass eine digitale Filmkamera die harschen Drehbedingungen in der Wüste überlebt hätte. Eine alte Arriflex Kamera ist dann schon noch sehr robust und hält Wind und Regen aus.

CHEXX Was ist für Sie das Weltall, was ist für sie die Welt?

Veit Helmer Die Russen sagen, ins All zu fliegen, ist, Gott die Füße zu küssen. Das Weltall ist ein großer Traum, dann hat man jedoch festgestellt, dass jeder der ins All fliegt, verändert zurückkommt. Manche sind richtig verrückt geworden. Hier in unserer Welt sitzen wir und träumen davon in den Kosmos zu fliegen und die Leute im Kosmos schauen auf die Welt und sagen sich, welch schöner Flecken Erde. Wir müssen ihn bewahren.

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