Die Neuberlinerin Juleska Vonhagen hat aus unzähligen Berlin-Gesprächen mit Freunden und Bekannten 33 Alltagsberichte aufgeschrieben: Mal heiter, mal zynisch,
mal schräg, mal wehmütig, mal komisch - in den Episoden erlebt man Groß.Stadt.Fieberhautnah. Protagonisten aus ganz Deutschland kommen zu Wort und erzählen ihre ganz persönliche Geschichte. Das 392 Seiten starke Taschenbuch ist bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen.
CHEXX Warum haben Sie Ihr persönliches Berlin-Buch geschrieben?
Juleska Vonhagen Gerade weil es all diese Geschichten über die Hauptstadt gibt, ist Berlin längst nicht mehr nur irgendeine Stadt, sondern vielmehr eine Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen von einem intensiveren Leben. Unter den weit über 100.000 Zuzügen, die Berlin jährlich erlebt, sind Tausende junge Menschen, die hier zwar offiziell studieren oder arbeiten, die aber eigentlich nur aufgrund jener Erwartungen hergezogen sind. 2006 war ich noch eine von ihnen. Und jedes Jahr sehe ich wieder neue gierige, infizierte Ex-Kleinstädter, die mehr von der großen Stadt wollen. So wird Berlin zum Ballungsgebiet von Menschen, die ständig auf der Suche nach neuen Reizen, nach Entfaltung, Exzess und spannenden Begegnungen sind. Aber Menschen, die von großem Hunger getrieben werden, tendieren häufig auch zu großer Unzufriedenheit ...
CHEXX Wie sind die Geschichten im Buch entstanden?
Juleska Vonhagen Ich habe mich mit den unterschiedlichsten Neu- und einigen mittlerweile Ex-Berlinern getroffen - mit Studenten, einer Zahnarzthelferin, einem Musiker, einem Grafik-Designer, einem DJ, insgesamt mit über dreißig Menschen. Entweder habe ich sie in ihrem Alltag begleitet oder ich habe mich mit ihnen unterhalten, sie gefragt: Was ist dir passiert, seitdem du nach Berlin gezogen bist? Und ich habe sie dann so lange reden lassen, bis eine ihrer Geschichten etwas in mir ausgelöst, mich gereizt hat, weil diese Geschichte außergewöhnlich war und mehr über ihre Beziehung zur Stadt verriet, manchmal ohne dass es ihnen selbst bewusst war.Interessanterweise begannen die meisten, wenn ich sie nach besonderen Berlin-Erlebnissen fragte, immer von Party-Ausschweifungen zu erzählen, und sie waren verwundert, wenn ich da nicht weiter nachhakte, sondern erst hellhörig wurde, als sie mir von diesem schlechten Gewissen erzählten, das sie befällt, wenn sie einen Abend mal nicht rausgehen, obwohl das Berliner Veranstaltungsangebot wieder aus allen Pflasterfugen platzt ...
CHEXX Wohin kann man die Neu-Berliner in dem Buch Groß.Stadt.Fieber
begleiten?
Juleska Vonhagen Mir war ein breites Spektrum sehr wichtig. Und ich bin froh, dass es mir gelungen ist, sowohl das High Life mit Kunst, Kultur und Clubs abzubilden als auch den Alltag mit U-Bahnfahrten und Gesprächen oder einfach nur einen Straßenausschnitt zu zeigen. Ich konnte mit meinen Geschichten das pulsierende Leben, aber genauso die Kehrseite dieser ständigen Jagd nach dem nächsten großen Besonderen einfangen - nämlich die Einsamkeit in der Großstadt, das Scheitern, die Oberflächlichkeit, die Absurditäten.
CHEXX Sind die Erfahrungen, die Neuankömmlinge in Berlin machen, überwiegend positiv?
Juleska Vonhagen Das kann man so pauschal nicht sagen. Die einzige Gemeinsamkeit, die sich feststellen ließ, ist, dass aller Anfang in Berlin stets von Euphorie geprägt ist und sich wie Urlaub anfühlt. Danach folgt meist eine Zeit, in der man die Stadt ungeschminkter sieht, sich bisweilen nach alten Strukturen und Freunden zurücksehnt, und erst in der dritten Phase der Auswanderung ist man dann wirklich bereit zu urteilen: Passt die neue Stadt zu mir, ja oder nein? Deswegen habe ich die Geschichten in diesem Buch auch genau diesen drei Phasen zugeordnet.
CHEXX Warum verlassen einige Menschen Berlin wieder?
Juleska Vonhagen In Groß.Stadt.Fieber
berichten zwei davon, dass sie Berlin den Rücken kehren. Die eine, eine Veranstaltungsmanagerin, hat in Düsseldorf einen Job angenommen, der andere, ein junger Mönchengladbacher, geht wieder zurück in seine Heimatstadt, weil er sich nach einem anderen Lebensgefühl sehnt: kleiner, vertrauter, grüner, gesünder ...
CHEXX Wie viele gebürtige Berliner kennen Sie?
Juleska Vonhagen Erstaunlich wenige und auch das scheint ein weit verbreitetes Phänomen unter Neu-Berlinern zu sein. Es scheint fast, als hätten all die gierigen Neuen andere Ziele in der Stadt als die Ur-Berliner. Ein Leser von Groß.Stadt.Fieber
meinte bereits, man könne aus meinem Buch eine Ghettoisierung der Neu-Berliner herauslesen.
CHEXX Wie lange wohnen Sie schon in Berlin? Was war Ihr erster Eindruck von der Stadt?
Juleska Vonhagen Ich wohne seit Sommer 2006 in Berlin, also fast fünf Jahre. Mein erster Eindruck am Bahnhof Zoo war der eines Betrunkenen, der mir herzlich Früher hätten wir euch alle vergast!
entgegen schrie. Als ich später ziellos durch Kreuzberg streifte, erging es mir ein bisschen, wie es der Physik-Student in der Geschichte Erste Klappe
schildert: Das bunte Leben, die Menschen überall, diese Überfülle an Eindrücken, es war ein bisschen, als sähe man einen Film
über eine fremde, abgedrehte Welt im eigenen Land. Und ich dachte: Wenn du hierher ziehst, dann spielst du in diesem Film mit ...
CHEXX Was denken Sie jetzt über Berlin?
Juleska Vonhagen Dass man es gar nicht mehr wahrnimmt, wenn man dann in diesem Film wirklich mitspielt. Ich kann mich nur noch schwer in dieses Gefühl hineinversetzen, das ich damals hatte. Berlin ist jetzt einfach mein Zuhause, das ich dann am allermeisten schätze, wenn ich woanders bin, wo der Veranstaltungskalender dem Feiertagskalender folgt, die Busse nur alle halbe Stunde fahren und man um 1:15 Uhr nicht noch mal eben kurz zum Späti runter rennen kann, wenn man vergessen hat, Wein auf Vorrat zu kaufen.
CHEXX Was finden Sie an dieser Stadt besonders schön? Was sind Ihre Lieblingsorte?
Juleska Vonhagen Spezielle Lieblingsorte habe ich nicht. Aber was ich mag, ist, dass man auch nach fünf Jahren immer noch etwas Neues in der Stadt entdecken kann. Und dieses diffuse Gefühl, dass in dieser Stadt tendenziell alles passieren kann, ob gut oder grausam, das beschleicht mich immer noch manchmal.
CHEXX Was finden Sie besonders nervig?
Juleska Vonhagen In Ab durch die Zauberkugel
berichtet ein Neu-Berliner davon, dass junge Menschen, die nach Berlin gehen, plötzlich alle beginnen, elektronische Musik zu hören, Club Mate zu trinken und Pillen zu schmeißen ... Natürlich kann man das nicht so verallgemeinern! Eine Sache, die mich wirklich oft gestört hat, sind diese weiten Entfernungen: Eben zur Uni-Bibiliothek ein Buch zurückbringen, dann kurz was zu essen einkaufen und schon kann der Tag rum sein.
CHEXX Können Sie sich vorstellen, Ihr ganzes Leben in Berlin zu verbringen?
Juleska Vonhagen Es hat durchaus seinen Reiz, an einem Ort zu bleiben, um sich zu verwurzeln. Danach sehnen sich viele, mit denen ich gesprochen habe, aber irgendwie scheint das trotz allen Sehnens in unserer Generation nur schwer möglich zu sein: Entweder einen sticht der Hafer und man hat doch wieder Lust auf was Neues oder der Job fordert einen Umzug oder die Liebe wohnt woanders oder muss woanders hin ...Wurzeln schlagen ist nicht mehr. Gefragt ist, wer Meister im Umtopfen ist. Aber mal im Ernst, die hohe Fluktuation in Berlin, dieses sich niemals darauf verlassen können, dass Menschen auch bleiben, dieser ständige Wandel, ist auch ein Punkt, der stresst ...
CHEXX Was würden Sie jemandem raten, der darüber nachdenkt, nach Berlin zu ziehen?
Juleska Vonhagen Ich würde generell jedem, der darüber nachdenkt umzuziehen, um etwas Neues zu sehen, raten, dies auch wirklich zu tun. Vorwärts geht’s nur, wenn man was wagt, und zurück fast immer ...
CHEXX Was denken Sie heute über Ihren Heimatort in der Provinz? Wie ist Ihr Verhältnis zu den Menschen dort?
Juleska Vonhagen Ich fahre gerne in die Heimat, um meine Familie und ein paar alte Freunde zu sehen. Von Jahr zu Jahr wird mir die Heimat aber fremder, meine Jugend und alles, was damit zusammenhängt, rückt weiter in die Ferne. Somit ist ein Heimatbesuch immer ein Blick durchs Fenster, den man nostalgisch genießt, aber dann ist man auch ganz froh, wieder fahren zu können. Großstadtarroganz
- eine Geschichte im Buch, in der eine Neu-Berlinerin auf Heimatbesuch zur Geburtstagsparty eines Freundes in den Party-Keller seiner Eltern geladen wird - bringt es ganz treffend auf den Punkt: Kleinstadt ist immer ein bisschen wie eine Soap. Es ist befreiend, auszusteigen und sein eigenes Spin-off zu bekommen.
CHEXX< Wie lange wird das Großstadtfieber noch anhalten?
Juleska Vonhagen Vermutlich für immer. Menschen wird es immer dahin ziehen, wo das Leben voller Möglichkeiten zu sein scheint.
