
CHEXX Sie sind ein viel beschäftigter Mensch. Wann finden Sie Zeit zum Schreiben? Etwa im Flugzeug?
Hubertus Meyer-Burckhardt Nein, ich schreibe nachts. Ich habe den Roman geschrieben, als ich noch im Vorstand von ProSiebenSAT.1 saß - und zwar ausschließlich nachts. Außerdem habe ich mir mal eine Woche Zeit genommen und mich in einer bewusst langweiligen Stadt in ein bewusst schönes Hotel gesetzt, wo mich die Stadt nicht ablenkte. Nämlich in Stuttgart. Dort habe ich im Hotelzimmer eine Woche lang diszipliniert geschrieben. Und dann habe ich mich nochmals eine Woche in ein kleines Haus nach Südfrankreich gesetzt. Das war aber schon die letzte Phase des Schreibens, im Januar 2010.
CHEXX Sind Sie als Schriftsteller ein Spätberufener oder gibt es frühere, unbekannt gebliebene literarische Versuche?
Hubertus Meyer-Burckhardt Die gibt es nicht. Ich habe immer mal Drehbücher bearbeitet, die wir verfilmen. Das ergibt sich aber aus der Produzentenrolle. Ich möchte auch das Wort Schriftsteller für mich nicht gelten lassen. Diese Weihen habe ich mir noch nicht erarbeitet. Aber ich schreibe sehr gern und finde den Zustand des Schreibens sehr angenehm.
CHEXX Was reizt Sie an der Sphäre des Literarischen und an den Ausdrucksmitteln, die der Roman bietet?
Hubertus Meyer-Burckhardt Der Reiz des Schreibens ist natürlich, dass man mal etwas allein macht. Wenn ich Filme produziere, gibt es 60 andere Leute von der Finanzierung bis zur Umsetzung. Wenn ich eine Talkshow mache, rede ich naturgemäß auch nicht mit mir selbst. Und wenn ich meiner Professur an der Hamburg Media School nachgehe, habe ich auch wieder Studenten und Koprofessoren und so weiter. Beim Schreiben kann man eine ganze Weile allein arbeiten, ohne dass man auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen hätte. Das finde ich einen sehr egoistischen, aber menschlich verständlichen Zustand, der Spaß macht.
CHEXX Sie hätten das Thema ja auch als TV-Format verarbeiten können, als Serie oder Fernsehfilm.
Hubertus Meyer-Burckhardt Filme habe ich etwa 40 produziert. Mir ging es darum, Urlaub zu nehmen vom Metier Film und Fernsehen. Außerdem glaube ich nicht, dass man mein Buch verfilmen kann. Als Produzent würde ich die Verfilmungsrechte sicher nicht kaufen.
CHEXX Haben Sie Ihre Kenntnisse über die Welt des höheren Managements aus teilnehmender Beobachtung gewonnen?
Hubertus Meyer-Burckhardt Ich wüsste nicht, wie man sonst schreiben könnte, wenn nicht mit teilnehmender Beobachtung. Ja, natürlich, ich habe viele Eindrücke verarbeitet, die ich in meinen beiden Vorstandstätigkeiten gesammelt habe. Aber es ist zu keinem Zeitpunkt eine Von-oben-herab-Perspektive. Die Frage, was von der Person ohne die Funktion bleibt, kann man sich selber auch stellen.
CHEXX Treffen wir die Kannstatts nur in der Business Class oder auch an anderen Orten? Ist das Ideal des Managers, der immer an der Front ist, nicht zur Volkskrankheit geworden?
Hubertus Meyer-Burckhardt Man darf nicht nur die Wichtigtuer aus dem Milieu wahrnehmen, zu dem man selber nicht gehört. Mir kommt es darauf an, eine Situation zu beschreiben, der wir alle mehr oder minder anheim fallen können oder bereits anheim gefallen sind. Ich rate, da nicht nur auf Investmentbanker zu schielen oder Private-Equity-Leute. Ich bin davon überzeugt, dass wir im Buchverlags- oder im Fernsehproduzentenwesen dieselben Leute treffen. Die sehen nur ein wenig anders aus. Es mangelt oft an der Vorstellung, dass man noch einen Wert hat, wenn man die Funktion nicht mehr hat. Viele Leute definieren sich zu einem ungesund großen Maße über die Funktion.
CHEXX Die männliche Welt zerfällt für Kannstatt in zwei Gruppen: Die eine Hälfte redet schlau, die andere Hälfte entscheidet und handelt. Zählen Sie sich selbst eher zu den Feuilletonisten
oder mehr zu den Kriegern
?
Hubertus Meyer-Burckhardt Das ist ein literarischer Kunstgriff. So reduziert, wie Kannstatt die Männer sieht, sehe ich sie nicht. Kannstatt gehört dem gehobenen Management an, aber keinesfalls dem Vorstand. Man würde das die zweite und dritte Führungsebene nennen. Diese vereinfachte Weltsicht ist die Perspektive eines Mannes, der sich als erstklassiger Steuermann empfindet, aber keineswegs Kapitän werden möchte. Der sich als Erster Zweiter
sieht, wie man im Burgtheater sagen würde.
CHEXX Die Namen der Antagonisten lauten Altmann und Kannstatt - soll der doppelte Vokal A vielleicht darauf hinweisen, dass beide Alphatiere sind, wobei Kannstatt im Alphabet Altmann weit nachgeordnet ist?
Hubertus Meyer-Burckhardt Daran habe ich nicht gedacht, aber es ist eine interessante Beobachtung. Ich gebe zu, dass Kannstatt ein Name ist, der - in einer geschickten Weise verfremdet - auf den Mann deutet, der das Ganze in meinem Kopf irgendwann angestoßen hat. Es gibt also eine Vorlage zu Kannstatt, die ich aber nie und nimmer preisgeben würde. Diese Namensschöpfung ist eine Desinformation, aber wenn man den Originalnamen kennen würde, würde man schmunzeln. Über Altmann habe ich komischerweise nicht nachgedacht. Dieser von Kannstatt als unfähig empfundene Chef hieß für mich sofort Altmann. Hinter Kannstatt steckt eine kreative Überlegung, Altmann ist mir zugeflogen.
CHEXX Was wird real aus der männlichen Sehnsucht nach einem anderen Leben?
Hubertus Meyer-Burckhardt Wenn ich mit Freunden rede, dann höre ich viele dieser Traumgeschichten: Einmal aus diesem Apparat aussteigen, einmal durch Anchorage laufen, einmal als Roadie bei einer Rolling-Stones-Tournee dabei sein... Männer haben Träume, sonst würden sie keine Western gucken, keine Thriller lesen. Aber die Träume fließen gemeinhin überhaupt nicht in ihr alltägliches Leben ein. Das führt bei manchen Männern zu zwei solchen Parallelwelten, dass aus dem Spannungsfeld interessante Geschichten zu filtern sind. Für Kannstatt wird Newark, New York, zu dem Ort, wo er einen anderen Namen findet, eine neue Identität, sein Innenleben.
CHEXX Eine gewisse Rolle spielt Klaus Schlesingers Roman Alte Filme
, dessen Held Kotte sogar einen Auftritt hat. Wie kommt Kannstatt gerade an dieses Buch?
Hubertus Meyer-Burckhardt Ich habe mich jahrelang mit DDR-Literatur beschäftigt und fand dieses vielleicht beste Buch von Schlesinger immer hochinteressant. Kotte ist ein Mensch, der in eingefahrenen Bahnen lebt und nur dann loskommt, wenn er die Möglichkeit hat, alte Filme zu gucken. Da taucht er völlig ab. Das fand ich eine interessante Parallelentwicklung: Dass in der DDR jemand in derselben eingefahrenen Welt lebt wie Kannstatt. Mit dieser Montagetechnik habe ich experimentiert. Ich wollte Querverweise zu anderen Welten bauen, sei es zu Rockmusikern, sei es zu einem ungewöhnlichen Buch der deutschen Literaturgeschichte der späten 70er-Jahre.
CHEXX Python, die Hauptfigur des Mittelteils, wuchs in Deutschland auf, hat in einer Werbeagentur gearbeitet und ist dann ausgestiegen. Ist er der Gegenentwurf zu Kannstatt?
Hubertus Meyer-Burckhardt Bei Python habe ich an einen Mann gedacht, der wie ich aus Kassel stammt und der geborene unabhängige Kleinunternehmer ist. Jemand, der alle Vernunftappelle der Eltern oder Mitschüler in den Wind geschlagen hat. Den habe ich immer bewundert. Ein harter Arbeiter, hoch individualistisch, dessen Maßgabe war: Ich kann alles werden, nur nie ein Angestellter. Ich mag solche Leute, die bis zur Starrköpfigkeit einen eigenen Weg beschreiten, der zunächst mal nicht Erfolg versprechend scheint. In 20 Jahren wird man unsere Zeit als eine Epoche empfinden, in der das Streben nach Erfolg fast alle Mittel heiligte. Jeder bedauert es, aber jeder macht mit.
