Catherine Deneuve wurde am 22. Oktober 1943 als Catherine Fabienne Dorléac während der deutschen Besatzung in Paris als eine von
vier Schwestern geboren. Ihre Eltern waren beide Schauspieler. Als Kind war sie verträumt und reserviert, aber kommt durch ihre ältere Schwester, die Schauspielerin Françoise Dorléac, zu ersten kleinen Rollen. In den 1980er Jahren stand sie immer wieder mit Gérard Depardieu vor der Kamera - so wie jetzt in Das Schmuckstück.
CHEXX François Ozon hat schon sehr früh mit Ihnen über sein Projekt Das Schmuckstück
geredet.
Catherine Deneuve Ja, so wie bei 8 Femmes
. Ich mag es, schon früh beteiligt zu sein, um den Film wirklich zu verstehen, um meine Meinung einzubringen und zu diskutieren. Ich habe versucht, die von François gewünschte Richtung einzuschlagen. Er kann sehr gut vermitteln, was er macht oder machen will.
CHEXX Wie haben Sie anfangs auf das Projekt reagiert?
Catherine Deneuve Als mir François Ozon von dem Stück erzählte und von seiner Absicht, es zu verfilmen, fand ich die Idee großartig. Vor allem wegen ihm: er hat das Talent, Dinge zu dekonstruieren und ich wusste, dass er ein solches Boulevardstück mit seiner scharfen, modernen und ironischen Vision bereichern konnte. Ich benutze das Wort Boulevard
gar nicht im abwertenden Sinne. Ich konnte mir leicht vorstellen, was er mit einem solchen Stoff machen würde. Außerdem spielte auch das Vergnügen eine Rolle, wieder mit ihm zu arbeiten. Er hat dann schnell ein lustiges und lebendiges Drehbuch voller Anklänge auf die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft geschrieben. Natürlich hat sich einiges in den letzten 30 Jahren geändert, aber nicht so viel, wie man denkt. Das Stück spielt zwar in den 70er Jahren, aber vieles darin ist heute noch aktuell: die Streiks, die Geiselnahme der Unternehmer und Frauen, die im Vergleich zu den Männern kaum Macht haben. Die Frauen und die Macht - dieser Kampf ist noch lange nicht vorbei!
CHEXX Wenn Ihre Figur in die Politik geht, muss man an Ségolène Royal denken...
Catherine Deneuve Im Laufe des Films hatte ich eine Menge Vorbilder und Beispiele in meinem Kopf, die der jeweiligen Situation entsprachen. Persönliche Beispiele und symbolische Bilder, Namen, die ich nicht nennen will, weil ich damit das Thema des Films verstellen oder verkleinern könnte. Aber eines ist klar: Ich habe an viele verschiedene Menschen gedacht.
CHEXX In den 70er Jahren engagierten Sie sich in der Frauenbewegung und kämpften für das Recht auf Abtreibung, indem Sie das von Simone de Beauvoir verfasste Manifeste des 343 salopes
unterzeichneten.
Catherine Deneuve Ich habe bei den Dreharbeiten nicht daran gedacht, aber dieses Engagement ist natürlich ein Teil von mir. Wenn mir Joëlle (Judith Godrèche) im Film erklärt, dass sie nicht abtreiben kann, dann führt mich das schlagartig zurück in diese Epoche. Schwanger zu sein, aber nicht abtreiben zu wollen oder zu können oder seinen Mann nicht verlassen zu können: Ich erinnere mich, wie verbreitet dieses Dilemma war. Die jungen Frauen von heute sind mit diesen Rechten aufgewachsen und merken kaum, welche wesentlichen Veränderungen vor dreißig Jahren stattfanden. Ich muss sagen, dass damals alles unglaublich schnell geschah.
CHEXX Wie war das Wiedersehen mit François Ozon?
Catherine Deneuve Die Erfahrung, schon zusammen gearbeitet zu haben, machte alles viel leichter. Ich kenne ihn, er kennt mich und so haben wir viel Zeit gewonnen. Dazu kam, dass wir in Belgien drehten. Es ist immer besser, außerhalb von Paris zu drehen: denn dann sieht man sich gegenseitig mehr, als wenn jeder abends nach Hause geht. So entsteht ein Gruppengefühl. Die Dreharbeiten waren fröhlich und intensiv, die belgische Crew war wunderbar und wir waren traurig, als wir Abschied nehmen mussten.
CHEXX Ihre Fähigkeit, ganz direkt zu spielen, ist erstaunlich. Man ist von der Figur der Suzanne zugleich amüsiert und gerührt.
Catherine Deneuve Ja, es gibt eine Mischung aus Komödie und Gefühl. Ich wollte so ehrlich sein wie möglich, meine Figur und die Situationen ohne Umwege ganz direkt spielen. Wir haben mit François viel darüber geredet. Ich wollte nichts fabrizieren, um so authentisch wie möglich zu bleiben, um ein Mitgefühl zu schaffen, um zu zeigen, wie sehr Suzanne von ihrem autoritären Mann unterdrückt wird. Als sie an die Macht kommt, wünschen wir uns diese Wende, wir freuen uns über ihre Rache.
CHEXX Die Kleidung Suzannes verändert sich im Laufe des Films stark. Haben Ihnen die Kostüme geholfen, Ihre Figur zu verkörpern?
Catherine Deneuve Wenn viel Wert auf die Kostüme gelegt wird und man viel Zeit mit den Anproben verbringt, passiert auf einer unbewussten Ebene etwas mit der Figur: die Kleider weisen auf eine bestimmte Haltung, auf eine Attitüde hin. Es gab keine feste Ausgangsidee, aber im Laufe der Anproben kam alles zusammen. Wir lernten, welche Farben und Schnitte funktionierten. Die Herausforderung war, der Epoche der Figur zu entsprechen und dabei ihren persönlichen Stil zu finden. Die Kostüme mussten gleichzeitig lustig und glaubwürdig sein.
CHEXX Das ungewöhnlichste Kostüm ist der rote Jogginganzug, den Suzanne am Anfang des Films trägt, als sie noch die gute kleine bürgerliche Hausfrau ist.
Catherine Deneuve Dieser Jogginganzug entspricht dem Schnitt und dem Stoff der Siebziger Jahre. Der besondere Look in der Eröffnungsszene gibt zwar an, dass sich Suzanne emanzipieren, weiterentwickeln wird. Ich schlug vor, dass sie dabei noch die Lockenwickler im Haar hat, um das allzu moderne Bild vom Jogginganzug zu brechen. Wenn sie zusätzlich noch ein Schweißband im Haar getragen hätte, hätte man sie für eine befreite bürgerliche Frau halten können, die sie aber noch nicht ist. Wir mussten für diese erste Szene ein etwas schrulliges und verschrobenes Aussehen erfinden, um dem Film von Anfang an die richtige Grundstimmung zu geben.
CHEXX Wie war es, nach sieben gemeinsamen Filmen wieder mit Gérard Depardieu zu arbeiten?
Catherine Deneuve Wir haben uns im Laufe der Jahre immer wieder getroffen und jedes Mal ist es ganz natürlich. Ich liebe und bewundere ihn sehr. Er ist als Schauspieler so präsent und warm mit seinen Filmpartnern. Außerdem ist er lustig und… sehr ungeduldig. Er will nicht proben, sondern drehen, und neigt dazu, die Dinge zu beschleunigen. Zum Glück ist François ähnlich. Ich glaube, Gérard hat es wirklich Spaß gemacht, diesen Gewerkschaftler zu spielen. Er wirkte sofort natürlich in der Rolle, so mühelos. François hat sich der besonderen Ausstrahlung Gérards schon bedient, als er die Szenen schrieb. Er wusste genau, dass Gérard Depardieu den Text und die Situationen auf eine ganz andere Dimension hieven würde.
CHEXX Sie treten nicht im Theater auf, haben aber keine Angst vor theatralischen Rollen im Kino...
Catherine Deneuve Ja, weil Theater und Kino vollkommen unterschiedlich sind. Theatralisches Spielen im Film bleibt Film. Aber was mir am Theater Angst macht, ist die Einheit des Ortes, die Tatsache, dass man vorher alles im Voraus geplant und entschieden haben muss, dass alles vorbereitet ist und dass man immer dasselbe machen muss. Das fällt mir schwer. Dazu kommt das Lampenfieber, vor einem Publikum auf der Bühne, im Zentrum der Aufmerksamkeit, zu stehen. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, Theater zu machen.
