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Interview Von Casemate, Hors-Série Ciné, Gainsbourg. Fehler melden. Erschienen bei CHEXX - Stadtmagazin Berlin - www.chexx.de. Drucken. Als eMail versenden.
Veröffentlicht am Montag, den 18. Oktober 2010 um 00:00 Uhr.
Musikalisches Allroundgenie, Verführer der schönsten Frauen, Popstar, Poet, Provokateur - Joann Sfar zeigt die vielen Gesichter der Ikone Serge Gainsbourg, zeichnet zentrale Stationen seines Wegs zum Ruhm nach und wirft mit augenzwinkerndem Humor einen Blick hinter die öffentliche Maske eines der faszinierendsten und schillerndsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Dies ist die komische und fantastische Geschichte von Serge Gainsbourg und seiner berühmten Visage. Ein kleiner jüdischer Junge zieht laut singend durch die Straßen des von den Deutschen besetzten Paris; ein schüchterner junger Poet gibt die Malerei auf und verlässt seine Dachkammer, um die Pariser Nachtklubs der Swinging Sixties zu erobern. Was folgt, ist ein Leben voller Leidenschaft und Poesie, ein Leben voller Provokationen und Skandale, ein ruhmreiches, ein aufreibendes, ein heldenhaftes Leben.

CHEXX Wie sind Sie zu Sfars Gainsbourg geworden?

Bertrand Dicale Joann hatte zuerst Charlotte Gainsbourg die Rolle ihres Vaters angeboten. Als er sich dann entschloss, sie einem Mann anzuvertrauen, traf er sich mit mehr oder weniger bekannten Darstellern. Stéphane Batut, der sich um das Casting kümmerte und mich aus dem Theater kannte, erzählte ihm von mir. Wir lernten uns zu einem Zeitpunkt kennen, als er noch unter dem Eindruck von Charlottes Absage stand. Er erzählte mir von seinem Film, wir haben Proben gemacht, und er hat mich genommen.

CHEXX Wie war denn damals Ihr Wissensstand in der Gainsbourgologie?

Bertrand Dicale Der ging gegen null. Ich kannte oberflächlich den Gainsbourg der 1980er-Jahre, einiges von dem Blödsinn, den er im Fernsehen gemacht hat, aber von seinem Werk kannte ich nur sehr wenig. Meine Eltern standen mehr auf Le Grand Échiquier, eine beliebte Fernsehsendung dieser Zeit, in der Musiker wie Georges Brassens und Raymond Devos auftraten. Kein einziger meiner Freunde war ein Fan von Gainsbourg, und ich habe Histoire de Melody Nelson erst vor einem Jahr entdeckt.

CHEXX Hat Joann Sfar Ihnen von Anfang an gesagt, dass sein Film ein Märchen ist und kein konventionelles Biopic?

Bertrand Dicale Diese Dimension ist in den Gesprächen erst gegen Ende aufgetaucht. Als Joann mir sein Drehbuch zu lesen gab, sagte er nicht, dass es sich um ein Märchen handele, sondern um ein Biopic nach seiner Façon. Beim Lesen erkennt man noch nicht so gut, was in visueller Hinsicht daraus werden wird. Das Drehbuch folgt einem konventionelleren Raster: die Kindheit, die Jugend, das reife Alter, das Ende ... Viele Dinge erscheinen nicht in der Art eines Märchens. Es geht natürlich auch nicht, aus Gainsbourg einen großen Blonden zu machen; wir streben Glaubwürdigkeit an und sogar Realismus, was das Aussehen angeht, die Kostüme und die Dekors. Das ist nicht I’m not there, der Film von Todd Haynes über Bob Dylan. Auf jeden Fall hat die Tatsache, dass man diesen Film als Märchen oder als eine Phantasmagorie bezeichnet, nichts an meiner Arbeit geändert.

CHEXX Waren Sie sich denn der Tatsache bewusst, was für ein Mythos Gainsbourg ist, wenn Sie ihn nicht kannten? Der Bedeutung, die er für die zeitgenössische Kultur hat? Seiner Aura als Künstlerideal?

Bertrand Dicale Wenn man spielt, eliminiert man natürlich alles, was der Sache schaden könnte, genauso wie der Körper Giftstoffe eliminiert. Das soll nicht heißen, dass all das nicht existiert, aber dass es die Arbeit behindert. Man muss es von Anfang an wegschieben, weil es die Dinge sonst unmöglich macht. Genauso ist es auch, wenn man Don Juan auf der Bühne spielt. Ich habe mich also nicht generell mit Gainsbourg beschäftigt, sondern mit dem Gainsbourg von Sfar.

CHEXX Wie haben Sie sich der Figur angenähert?

Bertrand Dicale Ich habe die Biografie von Gilles Verlant gelesen, ein wenig in die DVDs reingeschaut, in die Interviews von Gainsbourg mit Denise Glaser, und ich habe mir die Bilder aus den 1960er-Jahren angesehen, wo man ihn mit der Kippe im Mund über die Straße laufen, in ein Café hineingehen und was trinken sieht. Aber mehr nicht. Ich musste vielmehr eine Verbindung zu dem finden, was Joann über ihn und mit ihm erzählen wollte, und dann etwas aus uns allen dreien zusammenweben, Gainsbourg, Joann und mir.

CHEXX Wie bringt man die Nachahmung und die Freiheit des Schauspielers in Einklang, wenn man eine reale Figur spielt?

Bertrand Dicale Das Wichtige ist, sich innerhalb der bestehenden Zwänge einen Teil von sich, einen Teil Echtheit zu bewahren. Der Zwang ergibt sich daraus, dass jeder Gainsbourg kennt, jeder weiß, wie er gesprochen hat, jeder seine Gestik kennt. All dem muss man Rechnung tragen. Aber da mir klar war, dass es mein Tod sein würde, wenn ich einmal damit anfange, habe ich mich damit gar nicht groß abgegeben. Wenn es Sfar einzig und allein um die Ähnlichkeit gegangen wäre, hätte er einen Imitator genommen, keinen Schauspieler. In der Szene in dem Nachtlokal, in der Gainsbourg mit einem Typen konfrontiert wird, der ihn nachahmt, hatte ich so ein seltsames Gefühl: Ich war in der Rolle und hatte einen Typen vor mir, der ihm absolut nicht ähnlich sah und ihn trotzdem besser darstellte als ich! Das war schon eigenartig. Die äußere Ähnlichkeit konnten wir künstlich herstellen - den Mund, die Nase, die Ohren, den Haarschnitt ... Aber ich habe auch andere kleine Dinge von Gainsbourg hinzugefügt - dandyhaften Kram, die Art, jemanden schief anzusehen, Gesten. Das habe ich aber erst am Ende der Vorbereitung gemacht. Man hat mir nach den Dreharbeiten erzählt, Joann und das Team seien eine ganze Zeit lang besorgt gewesen, weil ich nichts von diesen Dingen zeigte, weil ich Éric Elmosnino im Kostüm und in der Maske von Serge Gainsbourg blieb. Sie sagten sich: Aber das ist doch nicht Gainsbourg! Bestimmte Gebärden habe ich beispielsweise erst während des Drehs hinzugefügt.

CHEXX Ihre Hände und Ihr Gesang geben perfekt die einmalige Arrhythmie von Serge Gainsbourg wieder.

Bertrand Dicale Da ich keine besondere musikalische Bildung habe, hatte ich gar nicht gemerkt, dass Gainsbourg nie im Takt war, sondern immer zu schnell oder zu langsam. Er hatte auch eine ganz besondere Art, mit den Wörtern umzugehen. Die Sprache seiner Hände ist interessant, aber auch sein Kleidungsstil. Die Kostümbildner haben mich darauf hingewiesen, dass Gainsbourgs Ärmel immer ein wenig zu kurz waren, wenn man die Fotos und Fernsehbilder genau betrachtet, wie um den Eindruck zu erwecken, dass seine Hände sehr lang sind, und um seine Gesten zu betonen.

CHEXX Ist es schwer, Gainsbourg zu singen?

Bertrand Dicale Ein Glücksfall: Ich verstand zwar nichts davon, aber ich singe richtig. Glücklicherweise musste ich nicht mehrere Monate lang mit einem Coach arbeiten, um auf dem Niveau eines Pavarotti oder einer Piaf singen zu lernen, was absolut unvorstellbar gewesen wäre! Da Gainsbourg im Gesang weniger auffällig ist, hält man ihn auch für leichter erreichbar. Aber es ist erschreckend, wenn man monatelang an den Chansons arbeitet und dann wieder Gainsbourg hört. Es ist zum Heulen, da liegen Lichtjahre dazwischen.

CHEXX Welches Chanson war denn das schwierigste?

Bertrand Dicale An Les Amours perdues habe ich viel gearbeitet. Das ist ein sehr schwieriges Lied, das wir am Ende dann gar nicht genommen haben. La Javanaise hat mir ebenfalls Probleme bereitet, vielleicht weil es eins der meistgehörten ist. Seltsamerweise haben mir die Chansons aus der letzten Schaffensperiode von Gainsbourg weniger Schwierigkeiten bereitet, vielleicht, weil ich mich mit meinen fünfundvierzig Jahren einem Typen von fünfzig Jahren näher fühle als einem Sänger von dreißig.

CHEXX Wie benimmt Joann Sfar sich bei den Dreharbeiten?

Bertrand Dicale Unerträglich! Er macht die ganze Zeit Blödsinn, redet laut, erzählt Witze, die nicht lustig sind. Aber auf diese Weise lockert er die Dinge auf, profanisiert sie. Er spielt den zurückgebliebenen Jugendlichen, der herumgrölt: Das ist super, Leute, wir machen Kino! Aber dieser Enthusiasmus erlaubt es ihm, das zu erreichen, was er will. Man hatte den Eindruck, in einem Ferienlager zu arbeiten, das war perfekt. Das wäre nie gelungen mit einem Regisseur, der uns jeden Tag daran erinnert hätte, wie wichtig das ist, was wir gerade tun, und wie viel dabei auf dem Spiel steht.

CHEXX Wie führt Sfar seine Darsteller?

Bertrand Dicale Er weiß, was er nicht will, aber er weiß noch nicht, wie er seinen Schauspielern dabei helfen kann, dass sie ihm das geben, was er sehen möchte. Was normal ist, denn das ist ja sein erster Film. Er ist kein Schauspielerregisseur. Wenn er will, dass eine Figur etwas Bestimmtes tut, nimmt er für gewöhnlich seinen Stift und zeichnet es!

CHEXX Hat er das bei Ihnen auch so gemacht?

Bertrand Dicale Ja, es kam vor, dass er das, was er wollte, gezeichnet hat und ich seine Intention sofort besser verstanden habe. Bei den Dreharbeiten waren Joann und ich uns extrem nah und extrem fern zugleich. Wir hatten unterschiedliche Aufgaben. Und da er sehr intelligent ist, hat er mich sehr schnell in Ruhe gelassen, damit ich mich auf das konzentriere, was ich zu tun hatte.

CHEXX Eine schöne Begegnung?

Bertrand Dicale Zwischen uns gab es die ganze Zeit echte Zuneigung und gegenseitigen Respekt für die Arbeit, die der andere leistete. Ich kenne mich nicht mit Comics aus, und er wusste nicht, was Schauspieler sind und wie sie funktionieren.

CHEXX Werden Sie wieder mit ihm arbeiten?

Bertrand Dicale Er hat mir ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Jetzt mache ich alles, worum er mich bittet.

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